Wenn Wünsche Wirklichkeit werden

Die an der PlanBude beteiligten Künstler Margit Czenki und Christoph Schäfer haben die Methode der »Wunschproduktion« bereits in anderen Projekten erprobt. Der Hamburger Kulturjournalist Till Briegleb stellt zwei Beispiele vor.

Park Fiction 
Hamburg, 1994–2005 

»Wünschen hilft!«, hat die berühmte Aufklärerin Rahel Varnhagen im 19. Jahrhundert allen Kämpfern für Bürgerrechte empfohlen. Vor allem lautes und organisiertes Wünschen hilft. Aber das muss häufig erst gelernt werden, zum Beispiel im Bereich Stadtentwicklung. Als 1994 eine der letzten Freiflächen in Hamburg St. Pauli an der Hafenkante bebaut werden sollte, starteten die Künstler Cathy Skene und Christoph Schäfer aus Protest eine »Wunschproduktion«. Anstatt einfach hinzunehmen, dass die Stadt plant und die Bürger es ertragen, initiierten sie Park Fiction und begannen Träume für einen modernen Volkspark zu sammeln. Anwohner wurden darum gebeten, Lieblingsideen zu spenden, die Initiative organisierte Öffentlichkeit. So drehte beispielsweise Margit Czenki den Film »Park Fiction – die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen«. Im Jahr 2002 wurde Park Fiction sogar zur Kunstausstellung documenta 11 eingeladen.


© Margit Czenki

Doch weil die Stadt sich lange schwer damit tat, die Traumkompetenz ihrer Bürger in Stadtplanungsfragen ernst zu nehmen, dauerte es elf Jahre, bis der Park mit seinen signifikanten Kunstpalmen eröffnet werden konnte.

Ein fliegender Teppich und ein Tulpenfeld, ein Hundegarten mit Tribüne und ein Grüntheater, eine wellenförmige Wiese und Open-Air-Solarien, ein buntes Basketballfeld, das auch als Planschbecken genutzt werden kann, sowie viele Sitzgelegenheiten mit Elb- oder Kirchhofblick ziehen an schönen Tagen die St. Paulianer an. Park Fiction ist kein Erholungsfleck mit englischem Rasen, sondern ein robustes Geschenk für die ortstypischen Ansprüche. Hier wird getrunken und gebellt, Musik gehört und gespielt, gestritten, gesonnt und gedöst. Künstlich sind wirklich nur die Palmen. Alles andere ist echt und so gewünscht. 


© Margit Czenki

Inzwischen ist Park Fiction eines der Standardbeispiele in jeder Diskussion über erfolgreiche Aneignungsstrategien und hat eine Vorbildfunktion für viele ähnliche Selbstermächtigungen zum Guten, etwa für die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg oder die ECOBoxes in Paris. Auch die Stadt Hamburg wirbt inzwischen mit dieser »kleinen grünen Oase, sehr beliebt bei Jung und Alt«. Ob sie sich aber wirklich mehr von der störrischen Traumkompetenz ihrer Bürger wünscht? 

Container Universität
Friedrichshafen, 2012

Die wachsende Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee stellte 2012 fest, dass sie wegen eines sich verzögernden Neubaus für drei Jahre große Teile des Lehrbetriebs in Containern unterbringen musste. Um den Imageschaden für die ambitionierte Privatuniversität klein zu halten, brauchte es für diesen Fauxpas wenigstens eine kreative Verpackung. Denn immerhin hatte sich die Universität 2003 mit dem Anspruch gegründet, die akademische Kultur in Deutschland kreativ zu reformieren. Margit Czenki und Christoph Schäfer, die an der Zeppelin-Universität bereits Lehrveranstaltungen zu Aneignungsstrategien im öffentlichen Raum abgehalten hatten, wurden gebeten, das für Park Fiction entwickelte Konzept der »Wunschproduktion« diesmal auftragsmäßig anzuwenden. Schließlich sollte die Ausbildung zu Kreativmanagern nicht in einer Umgebung stattfinden, die für den Transport von Bananenkisten und Skinny-Jeans gedacht ist.


© Margit Czenki

Die beiden Künstler befragten die zukünftigen Nutzer nach ihren Fantasien, wie man in einer poetischen Rosskur das Serielle individuell wirken lassen könne. Trotz starker Widerstände einer »schwäbischen Hausmeistergesinnung« vor Ort, wie Schäfer es ausdrückt, konnten nach der Auswertung und begleitet von studentischen Arbeitsgruppen einige magische Momente experimenteller Gemütlichkeit in die 180 Container implantiert werden. Unter dem Slogan »Die Hausordnung does not apply« entstand zum Beispiel das »Open Test Haus«, ein Raum, in dem die strengen Regeln der Universität keine Geltung mehr hatten. Das Gebäude war provokant aus dem einheitlichen Raster des Gesamtplans gedreht, und beherbergte ausschließlich Räume, die sich die Studierenden gewünscht hatten: ein Ausstellungs- und Sportraum, eine Lounge, eine offene Werkstatt und ein begehbares Dach mit Blick auf die Alpen und den Bodensee.  


© Margit Czenki

Im »Mondhaus« fanden sich Räume im Stil alter Science-Fiction-Fantasien von Jules Verne über Fritz Lang zu Barbarella. Das kleine rotierende »Gartenhaus« von George Bernhard Shaw wurde auf einem Dach rekonstruiert als computerfreier Kontemplationsort. Und im »Autohaus« verwendeten die Künstler Motive zum nomadischen Leben unter der Überschrift »Nordwest-Passage ins Imaginäre«. Nach Ende des Provisoriums 2015 wurden die Container als Flüchtlingsunterkünfte genutzt. Allerdings hatten die dafür zuständigen Behörden keinerlei Sinn für die Schönheit und Poesie des Projektes und ließen alle Eingriffe entfernen. Anscheinend wollten die Behörden nicht, dass auch die Schutzsuchenden zu ihren eigenen Kreativmanagern werden.

Till Briegleb arbeitet als Schriftsteller und Journalist mit den Schwerpunkten Architektur, Kunst und Theater unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz und die art.