Werkschau: Petra Blaisse

Bekannt ist Petra Blaisse für ihre Innenraumgestaltungen wie auch für ihr landschaftsarchitektonisches Schaffen. Kayoko Ota stellt drei sinnliche Projekte der Designerin vor, die illustrieren, wie sie alte Räume neu erfahrbar macht, Oasen in der Wüste schafft und mit Spiegelflächen und dem Spiel des Lichts die Menschen begeistert.

Rifletutti

2005

© Inside Outside

Rifletutti ist eine Installation unter freiem Himmel, die die Besucher zu einem Spaziergang durch den Garten der Villa Manin, einem venezianischen Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, einlädt. Dabei geht es weniger darum, die historische Architektur zu bewundern, sondern darum, in ein Wechselspiel von Reflektionen einzutreten.

Auf ihrem Spaziergang durch den Garten können die Besucher einen eigens für die Installation entworfenen Schirm mitnehmen. Er ist mit lichtdurchlässigem und beidseitig reflektierendem Material überzogen, sodass sich die Umgebung auf der Schirminnenseite spiegelt – mehrere Personen können sich so nicht nur gegenseitig sehen, sondern auch ihre Umwelt. In der Mitte der Schirme sind kleine Löcher angeordnet, die den Blick in die Außenwelt freigeben.

© Inside Outside

Auf diese Weise lassen die Schirme die Besucher nicht nur verschiedene Perspektiven einnehmen, sondern setzen sie zugleich in ein reflexives Beziehungsgefüge zueinander. Zudem werfen sie Schatten: Während die Besucher sich durch den Garten bewegen, erzeugen sie und ihre Schirme sich ständig ändernde Gebilde. 

Durch ihre gebogene Form fangen die Schirme Geräusche und Gerüche auf. Sie sind wie eine tragbare Umgebung. Die jeweilige Person, die den Schirm hält, befindet sich in ihrem eigenen Raum, der sie vor der Außenwelt abschirmt. Der Schirm wird zu einem individuellen Pavillon, der Teil einer festlichen Zusammenkunft ist.

© Inside Outside

Neben den Schirmen sind Spiegelscheiben aus poliertem Edelstahl Teil der Installation. Im Boden unter Bäumen eingelassen, sollen sie von den Besuchern gefunden werden und zu Interaktionen anregen. Als kleine Spiegelbecken eröffnen sie den Besuchern Einblicke in die Welt über ihnen.

Die Ideen für ihre Entwürfe und Installationen kommuniziert Petra Blaisse gern in Form von »Rezepten« – handgezeichnete Szenarien, wie ein Raum gestaltet werden sollte. Die Zutaten dieser Rezepte sind manchmal überraschend einfach. Das Rezept von Rifletutti zum Beispiel zeigt einen Schirm und eine auf einer Wiese liegende Scheibe. Es ist damit auch eine Anleitung für eine mobile Installation, die sich an verschiedene Orte transportieren lässt, um schnell einen Raum für eine öffentliche poetische Zusammenkunft aufbauen zu können.

Water Recipe Garden

2007-2015

In der Wüste eine Landschaft zu gestalten ist ein paradoxes oder zumindest recht anspruchsvolles Unterfangen. Im Zuge einer rasanten Verstädterung entstehen in der Region entlang des Persischen Golfs mehr und mehr sorgfältig gepflegte Landschaften: in sattem Grün und bunt. Diese modernen Stadtoasen verbrauchen jedoch große Mengen an Wasser und Energie. Muss das wirklich sein?

Als Petra Blaisse mit der Landschaftsgestaltung für Education City, einem neuen Viertel in Doha, beauftragt wurde, schlug sie einen ganz anderen Weg ein: Sie setzte auf einheimische Pflanzen, die an das unwirtlich heiße Klima vor Ort angepasst sind und deshalb weniger Wasser benötigen. In einem geschützten und bewässerten Garten sollten sie ihre natürliche Schönheit zeigen können. 

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Aus 18 Pflanzengesellschaften der Wüste ließ die Designerin einheimische Bäume, Büsche, Stauden und Knollen sammeln, die dann, sortiert nach Pflanzenart und Wasserbedarf, in Gefäßen matrixförmig angeordnet wurden. Von Ost nach West steht innerhalb dieser Aufstellung jede Reihe für eine Pflanzenart. In den 18 Reihen von Nord nach Süd sind die Gewächse wiederum abgestuft nach ihrer Größe platziert. Unter den höchsten Pflanzen finden sich hier nahezu alle in der Region wachsenden Pflanzenarten, während die kleinsten Gewächse lediglich einer Art angehören. Da diese auch am wenigsten Wasser benötigen, sind sie im Süden des Gartens aufgestellt. Die Gefäße der größeren Pflanzen hingegen wurden angehoben, weil sie mehr Wasser brauchen.

Um Formen, Düfte und Farben zu variieren, wurden die einheimischen Pflanzen mit Pflanzen aus anderen Ländern kombiniert. Die Gartenfläche, das Dach eines Parkhauses, ist mit goldenem Travertin überzogen, mit dem auch die Pflanzgefäße eingefasst sind. Während des Sonnenaufgangs und -untergangs leuchtet der Stein in hellem Orange, abends wird der Garten beleuchtet und lädt die Leute dazu ein, ihre Häuser zu verlassen und an die frische Luft zu kommen.

Water Recipe Garden ist der Versuch, in einer für Besucher offenen Form die regionale Pflanzenwelt in den städtischen Kontext zu integrieren. Passenderweise handelt es sich dabei um einen Garten auf einem Bildungscampus. Die Arbeit zeigt eindrücklich, wie in einem gewöhnlichen urbanen Umfeld mit Landschaftsgestaltung öffentlicher Raum geschaffen werden kann.

Re-Set

2012

© Rob 't Hart

Von all den Vorhängen, die Petra Blaisse im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere entworfen hat, ist Re-Set ein Höhepunkt.

Sie repräsentierte mit dieser architektonischen Installation die Niederlande 2012 auf der Architekturbiennale in Venedig. Indem sie einen Vorhang anbrachten, hauchten Blaisse und ihr Studio Inside Outside mit einem einzigen Eingriff dem historischen Pavillon neues Leben ein.

Das Konzept bestand darin, durch den Ausstellungsraum einen Vorhang zu spannen, sodass Räume und Verhältnisse neu geschaffen oder aufgelöst werden. Indem sich Blaisse und ihr Team die verschiedenen Eigenschaften von Vorhängen zu Nutze machten, bewiesen sie, wie stark sich ein nicht-architektonisches Element auf Architektur auswirken kann.

Der Vorhang wurde so hergestellt, dass seine Länge der Raumhöhe entsprach und er sich über die ganze Breite der Wand erstreckte. Er bestand aus mehreren zusammengenähten vertikalen Stoffbahnen: unterschiedliche Materialien, Farben und Kompositionen. Je nachdem, an welcher Stelle er lichtdurchlässig, transparent oder blickdicht, dünn oder dick, leicht oder schwer war, erfüllte der Vorhang andere Funktionen im Raum.

© Rob 't Hart

Das Herzstück der Installation war, dass sich der Vorhang mechanisch bewegte – gerade oder in Kurven entlang einer Schiene an der Decke. Die Lichtbedingungen im Raum und die Abstände zu Wänden und Fenstern veränderten sich dadurch ständig. Insgesamt entstanden zwölf Bewegungsmuster in verschiedenen Bereichen des Pavillons.

Einen weiteren wichtigen Bestandteil von Re-Set bildeten die im Außenbereich des Pavillons angebrachten Spiegelplatten, die das Sonnenlicht und die Umgebung reflektierten. Um dieses verstärkte Licht, die Luft, Klänge und Gerüche – außenweltliche Elemente, mit denen der Vorhang interagieren konnte – in den Raum dringen zu lassen, ließ man die Fenster des Pavillons offen.

Komplettiert wurde die Installation durch das Wechselspiel mit den Besuchern. Es bedurfte keiner Erklärung, sie verstanden das Konzept der Arbeit sofort und wurden Teil davon.

Kayoko Ota lebt in Tokio, wo sie als Kuratorin, Autorin und Herausgeberin mit dem Schwerpunkt Architektur tätig ist. Sie war Mitglied von AMO, einem Think Tank für Kreative in Rotterdam, und realisierte eine Vielzahl von forschungsbasierten Ausstellungen und Publikationen. Außerdem war sie stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift Domus in Mailand und 2014 Kommissarin für den japanischen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig. Ota ist Dozentin an der Harvard University Graduate School of Design. Als Herausgeberin des 2007 erschienenen Buches über Petra Blaisse kennt sie sich mit deren Arbeiten bestens aus. Für On Display porträtiert sie die Designerin und stellt einige ihrer Projekte vor.