«Ich bin mein eigener Designer»

Wilhelm Schmid ist bekannt für seine zahlreichen Bücher zur Philosophie der Lebenskunst. Welche Rolle dabei die alltäglichen Objekte und Dinge spielen, mit denen wir uns umgeben, erzählt er im Interview. Dabei gibt er auch das Geheimnis preis, wer sein Bücherregal designt hat.

On Display (OD): Welchen Sinn geben uns Dinge? Und welche Rolle spielen gestaltete Dinge in einer möglichen Lebenskunst?

Wilhelm Schmid (WS): Ich bin der Ansicht, dass auch die Beziehung zu Dingen dem Leben Sinn verleiht. Meine These ist, dass Sinn dort entsteht, wo es einen Zusammenhang gibt. Sinnlosigkeit hingegen entsteht, wo Zusammenhanglosigkeit herrscht. Das betrifft selbstverständlich zuallererst die Beziehung zu Menschen. Wenn Menschen ganz ohne enge Beziehungen existieren müssten, dann würden sie Sinnlosigkeit erleben. Am besten sehen lässt sich das am Beispiel der Liebe. Wenn Menschen eine Liebe verlieren, dann erleben sie einen großen Verlust von Sinn. Und das Gegenbeispiel: Wenn Menschen eine neue Liebe gewinnen, erleben sie den Sinn des Lebens schlechthin.

Lebenskunst heißt für mich, Menschen zu ermutigen, ihr eigenes Design zu finden.

Und das gilt nicht nur in Bezug auf Menschen, sondern eben auch auf Dinge. Wenn ein Zusammenhang mit Dingen besteht, eine Beziehung zu Dingen, dann gibt das Menschen Sinn und wenn sie zusammenhanglos mit Dingen leben, ohne eine Beziehung mit ihnen einzugehen, dann mangelt es ihnen an Sinn. Das bedeutet für den modernen Menschen, dass er auch auf dieser Seite des Umgangs mit Dingen einem großen Maß an Sinnlosigkeit ausgesetzt ist. Aus dem einfachen Grund: Moderne Menschen haben zu viele Dinge, im Grunde kommen die meisten auf der einen Seite in die Wohnung rein und fliegen auf der anderen Seite auch gleich wieder raus. Das ist ein extremer Unterschied zu vormodernen Verhältnissen, wo Menschen wenige Dinge besaßen, zu denen sie dafür aber ein intimes Verhältnis hatten, weil die schon von Großvater und Urgroßmutter benutzt worden sind. Schränke, sogar Kleider, Handwerks- und Haushaltsgegenstände. Lebenskunst bedeutet also, unter den vielen Dingen, mit denen wir zu tun haben, einige wenige auszuwählen und zu denen ein intimes Verhältnis einzugehen.

OD: Kann die Möglichkeit, zu den Dingen ein Verhältnis einzugehen, bewusst gestaltet werden?

WS: Ja natürlich. Von den vielen Schreibtischen, die mir in meinem Leben schon begegnet sind, habe ich meinen Schreibtisch ausgewählt, um zu ihm ein intimes Verhältnis zu pflegen. Das war meine Entscheidung. Er begleitet mich. Wir sind erst seit kurzem in dieser Wohnung, und beim Umzug war er sehr unhandlich. Er hat also bestimmte Nachteile. Meine Frau hat laut darüber nachgedacht, ob man diesen Schreibtisch nicht einem Antiquitätenhändler zur Verfügung stellen könnte. Nie im Leben! Das ist mein Schreibtisch und das bleibt mein Schreibtisch. Bestimmte Dinge wähle ich aus und die bleiben bei mir.

OD: Und was sind da Ihre Kriterien?

WS: Schönheit. Was ist Schönheit? Schönheit ist das, was Menschen bejahenswert finden. Das mag höchst subjektiv sein, aber wenn Menschen »ja« zu einem Ding sagen, dann werden sie es schön finden. Und was verleitet sie dazu, zu diesen Dingen ja zu sagen, sie schön zu finden? Da gibt es verschiedene Kriterien, die individuell höchst unterschiedlich sind, zum Beispiel das Kriterium der Nützlichkeit – wenn etwas gut in der Hand liegt, gut zu gebrauchen ist. Oder es ist vollkommen nutzlos, aber ich liebe es trotzdem, denn das ist ja das Schöne an der Liebe, wir können auch das lieben, was vollkommen nutzlos ist. Und auch auf diese Weise entsteht Sinn. Schönheit generiert Sinn.

Schönheit generiert Sinn.

OD: Dann ist es der Nutzer, der den Dingen den Sinn zuweist?

WS: Tja. Da sprechen Sie einen sehr wunden Punkt an. Wenn Dinge nicht mehr von selbst in einer Sinnbeziehung zum Menschen stehen, dann muss eine Sinnproduktionsmaschine entstehen, die diesen Dingen Sinn zuspricht und zuweist.

OD: Und aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg?

WS: Doch. Es kann helfen, Dinge selbst zu machen. Denn dann stellen wir eine intensive Beziehung her. Automatisch. Aber es ist illusorisch, alle Dinge, die wir brauchen, selber zu machen. Auch in diesem Falle gilt: Wähle sorgfältig aus. Wähle sorgfältig das Wenige aus, das du selber machen willst und kannst. Und nimm sonst ohne schlechtes Gewissen die Dinge in Anspruch, die schon da sind.

 

OD: Und wie setzen Sie das in Ihrem Leben um?

WS: Ich bin mein eigener Designer. Mein wichtigstes Handwerkszeug sind Bücher, deshalb brauche ich ein Bücherregal. Das Design meines Bücherregals stammt von mir. Ich wollte die vertikalen Linien mindestens doppelt so stark haben wie die horizontalen Linien, um die Höhe des Raumes zu betonen. Wie komme ich zu dieser Form? Ich habe als Student schon mein Bücherregal selber gebaut. Nach dem Kriterium der Schönheit und nach dem Kriterium der Nützlichkeit. So ist, über viele Jahre hinweg, dieses Design entstanden. Lebenskunst heißt für mich, Menschen zu ermutigen, ihr eigenes Design zu finden.

Wilhelm Schmid, geboren 1953, ist einer der bekanntesten deutschen Philosophen, wenn es um die Fragen nach dem guten Leben geht. Seit Jahren schreibt er Bücher über Lebenskunst, die Liebe und alles, was ein schönes Leben ausmacht. Er lehrt an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Erfurt, Berlin, Jena und Riga. Seine Bücher sind so beliebt, dass man sie inzwischen sogar in koreanischer oder chinesischer Sprache kaufen kann. Im Jahr 2014 erreichten sie eine Gesamtauflage von einer Million.