Wir sind alle längst schon Hybriden

Karin Harrasser über Hochleistungssportler mit Gepardenbeinen, Organismen aus Mensch und Maschine, Utopien und den uralten Wunsch, sich mittels Technologie zum Supermenschen zu entwickeln.

On Display (OD): Prothesen wurden ursprünglich für Menschen mit einer Behinderung entwickelt. Können sie uns auch zu Supermenschen machen? 

Karin Harrasser (KH): Ja, Prothesen können Steigerungsformen sein, wenn man sich etwa bei ihrer Entwicklung nicht mehr an der menschlichen Anatomie orientiert, sondern an anderen Vorbildern. Ein Beispiel dafür ist Oscar Pistorius, der inzwischen sehr bekannte südafrikanischer Läufer. Seine Prothese, sogenannte cheetah legs, ist die Standardprothese für Disabled-Athleten. Diese Prothese versucht nicht, die menschliche Anatomie nachzubilden. Sie ist einem Gepardenbein nachempfunden und lässt eine andere Form der Fortbewegung in die Gestaltung einfließen. 

© Fotografiert von Jill Greenberg/ Corbis

OD: Pistorius wollte 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking antreten. Nach langen Rechtsstreitigkeiten wurde ihm die Teilnahme an der Qualifikation erlaubt, doch er scheiterte. Stattdessen nahm er wie vier Jahre zuvor an den Paralympics teil. Sind die Paralympischen Spiele nicht eigentlich ein technologischer Wettkampf?

KH: Leistungssport hängt an einem seltsamen Mythos: Alle Körper seien gleich, und es sei eine individuelle Leistung, den Körper virtuos zu überformen. Doch wir alle wissen, dass Körper nicht gleich sind. Wenn man im Behindertensport versucht, diesen Mythos weiterzuführen, kommt man in die Bredouille. Dort wird deutlich, dass Körper eben unterschiedliche Voraussetzungen haben. Wir haben heute eine große Vielzahl an Körpern und Technologien, deshalb gibt es Regulative für die Technik, die man verwenden darf. 

OD: Hat sich dadurch die Inszenierung der Paralympics verändert?

KH: Ja, die Paralympics sind offensiver geworden. Bei den letzten Paralympics gab es eine aufregende Kampagne: »Meet the Superhumans«. Dort wurden behinderte Sportler als die »Supermenschen« inszeniert, als die nächste Stufe der Evolution. Statt Menschen mit Behinderung als defizitär zu betrachten, überhöht man sie und sagt: »Sie sind schon einen Schritt weiter!«  Das macht sie ein bisschen X-Men-mäßig, zu einer überlegenen Spezies. 

OD: Werden Prothesen inzwischen auch mit Stolz getragen?

KH: Ja, mittlerweile zeigt man seine High-tech-Prothesen mit einem gewissen Stolz. Es gibt viele Blogs und eine wirklich selbstbewusste Art und Weise Prothesen zu zeigen. Aber das betrifft nur eine kleine gesellschaftliche Gruppe. Diejenigen, die so offen damit umgehen, agieren aus einer privilegierten Situation heraus. Die Sportlerin Aimee Mullins oder der Wissenschaftler Hugh Herr sind – abgesehen von ihren fehlenden Beinen – privilegiert. Sie sehen aus wie Modells, sind gut ausgebildet und bewegen sich in einem Milieu, das Richtung Transhumanismus anschlussfähig ist. Doch nach wie vor hadern viele Prothesenträger mit ihrer Situation oder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Das Fetischisieren von Technik ist außerdem eine sehr westliche Angelegenheit. In vielen anderen Gegenden der Welt, in denen der Bedarf groß ist, können die Menschen auf diese Technik gar nicht zugreifen. Da ist das Rote Kreuz mit sehr einfachen Prothesen der einzige Versorger. Das ist eine andere Welt als die Hightech-Spielereien. Im globalen Kontext sind billigste Prothesen aus einfachsten Materialien üblich. Ich glaube, da lässt man sich von den wenigen spektakulären Fällen zu schnell verführen und vergisst ungefähr 95 Prozent der Welt.

OD: Genau an diesem Punkt setzt das e-Nable-Netzwerk an. Ihr Ziel ist es, auch Armen den Zugang zu Prothesen zu ermöglichen. 

KH: Ich finde diese Idee gut. Zunehmend ist es aber auch wichtig, Nein sagen zu können. Also die Idee zuzulassen, dass jemand, der einen »anderen« Körper hat, sich nicht unbedingt prothetisch »vervollständigen« möchte. Es gibt genügend Menschen, die körperlich anders sind, die sagen: »Ich bin nun mal so, mir ist es wichtiger, dass mir die Gesellschaft ermöglicht, in diesem anderen Körper zu leben.«

Neinsagen ist auch eine Form von enabling. Es wollen nicht alle zwei Arme haben. Es ist auch okay, nur einen Arm zu haben – oder gar keinen oder drei. 

OD: Drei Arme zu haben, wäre manchmal bestimmt nützlich. Gibt es Prothesen, die nicht nur etwas wiederherstellen, sondern den Menschen »verbessern« wollen? 

KH: Ja. In den letzten Jahren hat es eine Neuauflage der Cyborg-Idee gegeben. Cyborgs sind Mischwesen, Hybriden aus Mensch und Maschine. Als die Idee des Cyborgs auftauchte, in den 1960er-Jahren, ging es aber nicht darum, den Körper aufzurüsten, ihn mit künstlichen Händen auszustatten oder Computer-Chips zu implementieren. Es wurde eher darüber nachgedacht, wie Menschen im Weltraum überleben können, wie sich ein menschlicher Körper und eine Raumkapsel miteinander verschränken lassen. Es ging darum, organische und anorganische Systeme zu verbinden. Doch die Cyborg-Idee hat sich verändert. Inzwischen haben sich Vereine gegründet, deren Mitglieder sich Technologien aneignen, um sich selbst zu transformieren. Sie fordern das Recht auf »morphologische Selbstbestimmung«. Es handelt sich dabei um selbstbewusste Menschen, die fragen: Warum soll ich mich nicht verändern? Wenn ich gerne magnetische Fingerkuppen hätte, soll mich daran niemand hindern. Man sieht also, dass das, was ursprünglich in der Disabled-Bewegung passierte, auch Echos in der gesellschaftlichen Breite hervorruft. 

© Fotografiert von Richard Corman/ CPi Syndication

OD: Wird es zukünftig also eine Hybridisierung von Mensch und Maschine geben?

KH: Die ist längst da! Wir leben schon in hybrider Form. Menschen sind keine nackten Naturwesen, sondern bewegen sich dauerhaft in Rückkopplungschleifen mit Nichtmenschlichem. Häuser, Kleidung, Verkehrsmittel – andauernd findet ein Austausch mit Dingen statt, die mit unserer organischen Basis nicht unbedingt zu tun haben.  Und das hat sich ausgeweitet. Inzwischen leben wir in komplexen technisch-sozialen Netzwerken. 

OD: Und welchen Einfluss hat das auf die gesellschaftliche Entwicklung?

KH: Prothesen greifen in die Wahrnehmung ein und erschließen einen neuen Weltzugang. Es ist eine alte Fantasie der künstlerischen und politischen Avantgarden, dass durch derartige Wahrnehmungserweiterung neue Formen der Selbstorganisation und Kollektivierung entstehen könnten. Denn viele Cyborg-Ideen beschränkten sich ja nicht nur auf die Erweiterung der Sinne eines Einzelnen, sondern wollten die Wahrnehmung kollektivieren, in Netzwerke einspeisen. Durch ein gemeinschaftliches Wahrnehmen und Fühlen, so hat man immer wieder gehofft, könnte eine neue Form von Gemeinschaft entsteht. 

OD: Das klingt alles tendenziell positiv. Gibt es denn auch ethische Grenzen, zum Beispiel von Modifikationen?

KH: Dann klang ich zu optimistisch. Die modernen Cyborgs kreisen oft viel zu sehr um Fragen der Selbstoptimierung. Das finde ich problematisch, wir leiden ja ohnehin schon an einem Zwang zur Selbstoptimierung. Du darfst nie bleiben, wer du bist, sondern hast den Dauerauftrag, an dir selbst zu arbeiten. Das Schlimmste, was man im Moment wohl sagen kann, ist: »Also ich bin eigentlich ganz zufrieden, ich will mich nirgendwohin transformieren.« 

Karin Harrasser, geboren 1974, lehrt Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für Kulturwissenschaften und habilitierte sich mit einer Arbeit über Prothesen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit war sie an verschiedenen kuratorischen Projekten beteiligt, zum Beispiel in der NGBK Berlin und auf Kampnagel in Hamburg. 2013 veröffentlichte sie ihr Buch Körper 2.0. Über die Erweiterbarkeit des Menschen.