Vestido Cobra

Wie lassen sich Design-Traditionen fortsetzen? Wie Mode Traditionen bewahren und trotzdem zukunftsweisend sein kann, zeigt die Arbeit der mexikanischen Designerin Carla Fernández.

Während die meisten international erfolgreichen Modedesigner ästhetische Aspekte ins Zentrum ihrer gestalterischen Arbeit stellen, sind bei Carla Fernández Form- und Farbgebung nur ein Teil des komplexen Designprozesses. Denn ihre Mode soll nicht nur schön sein. Sie bezieht auch soziale und gesellschaftspolitische Fragen ein. So möchte sie durch den Transfer von mexikanischen Stilen und Fertigungstechniken in zeitgenössische Mode das kulturelle Selbstbewusstsein ihres Heimatlandes stärken. Dazu sucht Fernández in den verschiedenen Regionen Mexikos nach Kunsthandwerkern, die jahrhundertalte Fertigungstechniken beherrschen und vergibt an sie Produktionssaufträge. Doch nicht nur das macht ihre Kleidung gesellschaftspolitisch relevant. Sie bricht auch traditionelle Rollenmodelle auf.

Ein Kleidungsstück, das die traditionelle Kleiderordnung der Geschlechter hinterfragt und die Gegensätze eines ganzen Landes in sich vereint

Ein Beispiel dafür stellt das Vestido Cobra dar, ein multifunktionales Kleidungsstück aus ihrer Sommerkollektion 2017. Es ist nach dem mexikanischen Prinzip entworfen, nach denen die gewebten Stoffe niemals zerschnitten werden. Stattdessen werden sie dem Körper durch Falttechniken angepasst, die in ihrer Komplexität an japanisches Origami erinnern. Zusätzlich werden die Stoffe mit geflochtenen Kordeln oder gewebten Gürteln fixiert. Die verschiedenen Falt- und Schnürtechniken werden innerhalb der Dörfer von Generation zu Generation weitergegeben. Sie sind Teil der lokalen und familiären Identität. Für das Vestido Cobra hat Carla Fernández unterschiedliche Falt- und Schnürtechniken kombiniert, damit das Kleidungsstück an jeden Körper anpassbar ist: mal als langes, mal als kurzes Kleid, oder auch als Overall mit Hose.

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Carla Fernández ist aber nicht nur Spezialistin für mexikanische Mode, sondern auch Teil der global agierenden High-Fashion-Szene. Für sie ist diese Doppelrolle kein Widerspruch, sie sieht darin eine Chance, völlig unterschiedliche Welten miteinander zu verknüpfen. Dass Mode Traditionen weiterentwickeln kann, zeigt sie beim Vestido Cobra an einem kleinen, aber nicht unwichtigen Detail. Dank der Falt- und Schnürtechnik kann es unterschiedliche Formen annehmen und sogar, ganz zeitgenössisch, von Männern und Frauen getragen werden: ein Kleidungsstück, das traditionelle Kleider- und Geschlechterordnungen hinterfragt und die Vielfalt eines ganzen Landes in sich vereint.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«