Solarvorhang

Viele Designer entwickeln ihre Projekte nicht aus Eigeninitiative, sondern im Auftrag. Ein Auftraggeber hat jedoch in der Regel eine relativ genaue Vorstellung vom Ergebnis. Damit Designer ihre Ideen eigensinnig und frei umsetzen können, müssen sie selbst initiativ werden – so entstehen meist die spannendsten Projekte.

Zum Beispiel der Außenvorhang Solar Curtain, an dem Petra Blaisse und ihr in Amsterdam ansässiges Büro Inside Outside seit 2002 arbeiten. Anstoß zur Entwicklung war ein Wettbewerb für mobile HIV-Kliniken. Blaisse schlug damals einen Vorhang vor, der Sonnenergie nutzbar machen sollte, etwa um Wasser erhitzen oder Kühlschränke betreiben zu können. Der Vorhang sollte zudem leicht sein, damit man ihn gut transportieren und an Bäumen oder Zelten anbringen kann.

1
2
3

Den Wettbewerb gewann Blaisse nicht, aber als das Textielmuseum Tilburg 2014 fragte, ob Inside Outside Interesse an einer Forschungskooperation habe, nutzte sie die Gelegenheit, den Vorhang weiterzuentwickeln. Dabei galt ihr Forschungsinteresse nicht allein den Solarzellen, sondern vor allem dem Textil. Immer wieder wurden neue Muster angefertigt, um von der Idee zu einem funktionsfähigen Prototypen zu gelangen. Im Textielmuseum Tilburg und den Arbeitsräumen der Designerin kann man den Entwicklungsprozess an über 20 Mustern nachvollziehen: verschiedene Farben, Materialien und Eigenschaften. So wurde erprobt, wie in den gestrickten Stoff dünne Metallfäden eingearbeitet werden können, um die in den Solarzellen gewonnene elektrische Energie weiterzuleiten. Eines der Probleme waren dabei die unterschiedlichen Materialeigenschaften. Während Strickgewebe elastisch ist und sich unter Belastung dehnt, verändern Metalle wie Silber, Gold oder Kupfer ihre Länge nicht. Schnell brachen die Stricknadeln unter der Belastung. Es musste ein neuer Metallfaden gefunden werden, der auch der Witterung standhält. 

Die Solarzellen sind diagonal in kleine Taschen gesteckt, deren eigens entwickeltes Gewebe sehr dünn ist, damit die Solarzellen genug Sonnenlicht einfangen. Anders als klassische Vorhänge ist der Solar Curtain kein zweidimensionales Objekt, sondern ein dreidimensionales. Die Strickmuster werden von einem Computerprogramm erstellt, inzwischen wurden mit einer 3D-Strickmaschine die ersten Prototypen des Solar Curtain produziert.

Der Solar Curtain ist ein ästhetisches Produkt, das aufzeigt, wie man bislang ungenutzte Flächen als Ressource entdecken und erschließen kann.

Inside Outside verfeinert den Vorhang immer weiter, derzeit wird an der Faltbarkeit gearbeitet. Auch stellt die Energiespeicherung in dem Vorhang noch eine Herausforderung dar. Der Solar Curtain ist ästhetisch und ökologisch. Er zeigt, dass man bislang ungenutzte Flächen als Ressource entdecken und erschließen kann. Der Vorhang ist kein marktreifes Produkt, vielmehr bildet er den Zwischenstand eines langjährigen Forschungsprojektes ab, zu dem sich die Designer selbst beauftragt haben. Dazu gehört Mut und Durchhaltevermögen – denn auch im Design ist Forschung ein langer Prozess des Versuchens und Verbesserns. Bis der Solar Curtain tatsächlich als Massenprodukt
hergestellt werden kann, ist es noch ein weiter Weg. Die Forschung, die Designer betreiben, hat Grenzen. Designer können nicht alle technischen Probleme lösen. Petra Blaisse bahnt derzeit weitere Kooperationen mit Wissenschaftlern und Unternehmen an. Vielleicht wird aus dem inspirierenden Exponat in Zukunft einmal ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, vielleicht gehen aus der Forschung auch noch viele andere Produkte hervor.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«