Smoke

Die meisten Produkte, die wir kaufen, haben glatte, glänzende und oft empfindliche Oberflächen. Spuren der Alterung werden nicht als Wertsteigerung, sondern als Beschädigung wahrgenommen. Die scheinbar perfekten Oberflächen zeugen von einer gesellschaftlichen Entwicklung, die das Junge dem Alten vorzieht. Alterung ist in unserer Gesellschaft negativ belegt.

Der Designer Maarten Baas hat ein ganz anderes Bild von Vergänglichkeit. Ihm scheint das Neue langweilig und unspezifisch. Erst durch die Benutzung und die Spuren der Alterung entsteht etwas Besonderes. 2002 begann Baas deshalb, mit den Spuren der Vergänglichkeit zu experimentieren. Zunächst entwickelte er verschiedene Kratz- und Reibetechniken, um den Dingen die Aura des Ungenutzten zu nehmen. Er beobachtet, wie sich so die Wahrnehmung dieser Gegenstände veränderte.

Schlussendlich führten ihn diese Experimente zu einer brachial anmutenden Technik. Er bearbeitet die Oberfläche von Holzmöbeln mit Feuer. Ziel war es, nicht die Möbel zu zerstören, sondern die äußere  Hülle zu verändern. Zunächst verbrannte er alte Möbel vom Flohmarkt, doch 2004 ging er einen Schritt weiter: Er fackelte ikonische Designobjekte ab. Aus den perfekten Museumsstücken wurden tiefschwarze Objekte mit poröser Oberfläche, die zerbrechlich wirken, auch wenn er sie nach dem Abflammen mit Epoxidharz versiegelt hat, damit sie nutzbar bleiben.


Der Zig-Zag chair wurde 1932 von Gerrit Rietveld entworfen. © Vitra Design Museum; Fotograf: Hans Jürgen, objektfotograf.ch © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Eines der Objekte, das er so aus der musealen Totenstarre riss, ist der berühmte Zig-Zag chair von Gerrit Rietveld. 1888 in Utrecht geboren, war Rietveld ab 1919 Mitglied des Künstlerkollektivs De Stijl. Diese in den Niederlanden gegründete Gruppe hatte sich – ähnlich die Konstruktivisten in Russland oder das Bauhaus in Deutschland – einer ästhetisch-kulturellen Revolution verschrieben. Sie wollten durch formale Abstraktion die Gesellschaft verändern, das Individuelle sollte durch das Universelle ersetzt werden. Außerdem sollten strenge Gestaltungsrichtlinien helfen, Gebrauchsgegenstände industriell zu produzieren und zu günstigen Preisen anbieten zu können.


Maarten Baas bearbeitete die Oberfläche des Stuhls mit Feuer. © Bas Princen

Diesen Visionen folgend, sollte der 1932 entworfene Zig-Zag chair ursprünglich aus einem Stück gebogen werden. Allerdings lassen die Materialeigenschaften von Holz eine derartig radikale Formung nicht zu. Rietveld behalf sich, indem er den Stuhl aus vier verschiedenen Regalbrettern baute, die durch dreieckige Keile, Schwalbenschwanzverbindungen und Messingschrauben zusammengehalten wurden. Das war allerdings weder industriell realisierbar noch günstig. 


Der verbrannte Zig-Zag chair ist Teil der Smoke-Serie von Maarten Baas. © Maarten van Houten

Der soziale Anspruch, der ursprünglich mit dem Zig-Zag chair verbunden war, geriet im Laufe der Zeit immer mehr in Vergessenheit. Seit 1973 wird der Stuhl vom Luxusmöbelhersteller Cassina produziert, wahlweise aus teurem Kirsch- oder Eschenholz. Er ist heute nicht mehr Symbol einer kulturellen Revolution, sondern Repräsentationsobjekt gutsituierte Designliebhaber.

Als Maarten Baas im Jahr 2004 diesen Klassiker mit seinem Abflammgerät bearbeitete, erschuf er mit der produktiven Zerstörung der äußeren Hülle weitaus mehr als ein neues Erscheinungsbild. Denn nicht nur die Verletzlichkeit der äußeren Hülle wird sichtbar, sondern auch die Vergänglichkeit ihrer ursprünglichen Absichten.

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Die Aktion von Baas wurde in der Designszene unterschiedlich aufgenommen. Während viele die Radikalität des jungen Designers lobten, löste der vermeintlich respektlose Umgang mit den ehrwürdigen Vorbildern auch Empörung aus. In den emotionalen Reaktionen auf seine Designperformance spiegelt sich auch die Unfähigkeit unserer Gesellschaft wider, mit Vergänglichkeit umzugehen. Baas versteht sich nicht als Problemlöser. Er arbeitet eher wie ein Künstler, der mit ästhetischen Mitteln versucht, unsere Wahrnehmung zu verändern. Maarten Baas’ verbrannte Versionen von Designklassikern wie dem Zig-Zag chair sind deshalb ein Aufruf zu einem unverkrampften Umgang mit Vergänglichkeit. Schließlich liegt in der Vergänglichkeit auch eine progressive Kraft. Denn nur, wo Altes vergeht, eröffnet sich Raum für Neues.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«