Der Produktdesigner: Nicolas Bourquin

Florian Heilmeyer versucht herauszufinden, was der Grafikdesigner Nicolas Bourquin so alles macht. Dabei entdeckt er einen Grenzgänger, dessen Verständnis von Design weit über Grafik hinausreicht.

Früher war »Was machst Du so?« die einfachste Frage der Welt. Mittlerweile hat sich in den Fachdisziplinen und Berufsbildern aber so viel verändert, dass die Antwort bei immer mehr Berufstätigen kompliziert ausfällt. Nicolas Bourquin ist ein gutes Beispiel dafür. Die kurze Antwort lautet: Er ist Grafikdesigner. Die etwas längere Antwort: Er ist ein Grenzgänger, der den Begriff des Grafikdesigners durch seine Berufspraxis verändert. Schon sein Grafikstudium an der Hochschule für Gestaltung in Biel findet an einer Grenze statt, denn die Kleinstadt liegt dort, wo die französisch- auf die deutschsprachige Schweiz trifft. Zuvor hatte er ein Jahr an einer Technischen Schule die alte Kunst der Uhrmacherei gelernt, dann eine Ausbildung in einem Architekturbüro abgeschlossen; die Grundlage für sein Grenzgängertum war gelegt.

© Fotografiert von Noshe

Direkt nach seinem Abschluss fängt er im Juli 2000 bei MetaDesign Suisse an. Die Firma ist ein Ableger der nicht nur bei Grafikern legendären Agentur MetaDesign, die 1979 in West-Berlin als Grafiklaboratorium von Gerhard Doerrié, Florian Fischer, Dieter Heil und Erik Spiekermann gegründet worden war. Als Bourquin bei Suisse anfängt, ist aus dem einstigen Experimentallabor allerdings schon längst eine international operierende GmbH geworden, die sich als Markenagentur versteht. Fast alle Gründer haben das Unternehmen verlassen, nur Erik Spiekermann ist noch da. Mit ihm arbeitet Bourquin einige Wochen lang in Berlin und erlebt, wie schließlich auch Spiekermann aufgrund »inhaltlicher Differenzen« aussteigt. Bourquin bleibt nur neun Monate bei MetaDesign. In dieser Zeit habe er viel gelernt, sagt er höflich, aber ihm sei auch klar geworden, dass er andere Vorstellungen davon habe, wie er arbeiten möchte. Er wolle nicht nur der Dienstleister sein, sondern sich stärker mit den Inhalten auseinandersetzen, die er gestalten soll. Im Sommer 2001 gründet er onlab und geht nach Berlin.

© Fotografiert von Noshe

Man könnte sagen, Berlin kommt seinen Ideen entgegen; die Stadt ist sowieso voller Multitasker, die irgendwo zwischen den Disziplinen und Berufen agieren. Bourquin beginnt, in wechselnden Konstellationen mit Freunden und Bekannten zu arbeiten. So vergrößert sich sein Netzwerk kontinuierlich, und er initiiert erste eigene Projekte. Seinen Namen nutzt er für freiere, eher künstlerische Arbeiten, für Fotos und Filme. Den Namen seiner Firma verwendet er, wenn es um grafische Arbeiten geht. Die Gestaltung entsteht aus einer intensiven Auseinandersetzung mit den jeweiligen Inhalten, alle Entscheidungen über Medienformate, Typografien oder Material werden aus ihr abgeleitet. Er trägt nicht nur einen hübschen Firnis auf, sondern diskutiert und gestaltet die Aussage und Erzählweise, sodass die Grafik zum Teil des Statements wird. Der Grafiker wird zum gleichberechtigten Koautor des Gesamtprojekts. Die Aufgabe ist letztlich immer, eine Geschichte zu vermitteln. Wenn die Erzählung hakt, kann die schönste Grafik daraus keine gute Geschichte machen; dann muss man in die Erzählung selbst eingreifen.

© Fotografiert von Noshe

So beginnt Bourquin in wechselnden Projekten und Rollen zu arbeiten: als Grafiker, als Herausgeber, Publizist und Unternehmer – oft irgendwo dazwischen. Mit dem Berliner Gestalten-Verlag entwickelt er das Buch Los Logos, das erste Grundlagenbuch mit einer systematischen Sammlung internationaler Firmenlogos. Es wird ein Klassiker des Verlagsprogramms, dem bis heute sechs Bände nachgefolgt sind. 2003 gründet Bourquin mit Sven Ehmann und Krystian Woznicki den Kleinstverlag etc. Publications für »unabhängige Publikationen«. Aufmerksamkeit erzielen sie mit der in Eigenregie erstellten Serie etc. Reader. Im Zeitungsformat widmet sich jede aufwendig gestaltete Ausgabe einem Thema, manche sind politisch (Genoa etc. nach den turbulenten G8-Protesten oder Peace etc.), andere beschäftigen sich mit popkulturellen Fragen. Es sind Manifeste, die genau zeigen, wie Bourquin arbeiten möchte, was er erreichen will: Die Herausgeber verknüpfen in jeder Ausgabe wortgewaltige Beiträge renommierter Autoren mit großen grafischen Gesten und Infografiken. Jedes Band ist eine aus Texten, Bildern und Zeichnungen gewobene Gesamterzählung. 

 

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Corporate identities für Soundcloud, Musée des Beaux-Arts Le Locle, Galerie C.
Corporate identities für Soundcloud, Musée des Beaux-Arts Le Locle, Galerie C.
Corporate identities für Soundcloud, Musée des Beaux-Arts Le Locle, Galerie C.
Infografiken für Museum Unplugged (Marta Herford), Reporter ohne Grenzen, Reflex Magazine.
Infografiken für Museum Unplugged (Marta Herford), Reporter ohne Grenzen, Reflex Magazine.

Gleichzeitig richtet Bourquin onlab immer mehr als grafische Agentur mit inhaltlichen Kompetenzen aus, seit 2007 gemeinsam mit Thibaud Tissot, der als Grafikdesigner einsteigt und inzwischen zum Partner geworden ist. Ihre Mitarbeiter sind eine interdisziplinäre Mischung aus Grafikern, Produkt- und Webdesignern, Journalisten, Fotografen oder Architekten, projektweise werden externe Spezialisten dazugeholt. Entsprechend arbeitet onlab in den unterschiedlichsten Formaten, Medien und Maßstäben: an und für Print- oder Online-Medien, für Institutionen, Museen oder ganze Städte wie Bourquins Heimatdorf Tramelan. Ihre Arbeit bewegt sich immer zwischen inhaltlicher und grafischer Gestaltung: Für Ausstellungen und Bücher erforschen sie gemeinsam mit den Kuratoren die Themen und entwickeln Ideen, wie diese erzählt werden können. Dem italienischen Architekturmagazin Domus haben sie ein neues Erscheinungsbild verpasst und entwickeln mit der Redaktion neue Rubriken und Formate. »Als Designer«, sagt Bourquin, »inszenieren wir die Inhalte, wir schaffen Verbindungen, erzählen Geschichten und machen diese lesbar. Wir schaffen also sowohl visuelle als auch narrative Qualitäten.

Als Designer inszenieren wir die Inhalte, wir schaffen Verbindungen, erzählen Geschichten und machen diese lesbar.
Nicolas Bourquin

Die Inhalte und ihre Gestaltung, das lässt sich für ihn nicht trennen. Der wachsende Bereich der Infografik wird für Bourquin besonders interessant. Hier ist der Grafiker gleichzeitig Redakteur, wenn er komplexe Zusammenhänge, Informationen und die täglichen Datenstrudel unserer Welt grafisch so aufarbeiten soll, dass sie möglichst einfach und schnell zu verstehen sind. Bilder mit hochkomplexen Inhalten und Aussagen sollen entstehen. Um leicht, attraktiv und spielerisch wie ein Comic oder ein Film zu wirken, müssen Bilder, Zahlen und Texte zu einer Erzählung verknüpft werden. Bei diesem »Film« ist der Grafiker sozusagen für Redaktion, Drehbuch, Kamera, Regie und Schnitt verantwortlich. Infografiken sind dann auch das Thema von Bourquins nächsten beiden Bücher beim Gestalten-Verlag: Data Flow und Data Flow 2. Es ist vielleicht so, dass Nicolas Bourquin vor allem ein Grafiker mit einem regen Interesse an den politischen und ökonomischen Zusammenhängen dieser Welt ist; daher kann er nicht einfach nur grafischer Dienstleister sein, sondern muss sich fast zwangsläufig mit den inhaltlichen Positionen der Projekte auseinandersetzen. Ihm geht es darum, mit seiner Grafik eine Position zu beziehen und eine Haltung zu formulieren. Es wird interessant sein zu sehen, wie er diese Position in der Arbeit mit der Autostadt finden kann. Für diese Art von »kritisch-kooperativem Grafikdesign« gibt es noch keine etablierte Berufsbezeichnung. Es bleibt also weiter ziemlich kompliziert, eine einfache Antwort auf die Frage zu geben, was denn Nicolas Bourquin so macht.

Florian Heilmeyer, geboren 1974, arbeitet als Journalist, Autor und Kurator in seiner Heimatstadt Berlin. In Texten, Büchern, Vorträgen und Ausstellungen setzt er sich mit Architektur, Stadt und Gestaltung auseinander. Seit 2007 ist er freier Redakteur für BauNetz und MARK – Another Architecture sowie Korrespondent für Werk, Bauen + Wohnen.