Der Produktdesigner: Nicolas Bourquin

Warum Einladungen für einen Designer wichtig sind, der sich nicht als Grenzgänger versteht, aber trotzdem auch jenseits von Produkt- und Industriedesign tätig ist.

Nein, Konstantin Grcic überschreitet nicht gern Grenzen. Das wollte er auch nie. Wenn er über seinen Werdegang redet, scheint es so, als wollte er schon immer Produktdesigner sein: »Als Kind habe ich es geliebt, Dinge auseinanderzubauen und wieder zusammenzusetzen. Im Prinzip mache ich das heute noch: Ich versuche zu verstehen, wie Dinge gemacht sind, wie sie funktionieren und wie sie vielleicht verbessert werden könnten.«

© Fotografiert von Noshe

Grcic ist ein bescheidener Mann, der langsam und mit sanfter Stimme spricht. Lieber schweigt er, als etwas Falsches zu sagen. Selbstvermarktung und große Worte sind seine Sache nicht. Ebenso wenig mag er große Gesten im Design, seine Arbeiten sind meist pragmatische, gradlinige Lösungen für Probleme des Alltags. Es ist leicht, sich Grcic bei der Arbeit an einem Möbelstück vorzustellen, tagelang in seiner Werkstatt brütend und prüfend, schließlich eine letzte Kleinigkeit ändernd. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Stühle, mit denen er sich in seiner Laufbahn immer wieder beschäftigt hat: »Sie sind meine Leidenschaft.« Langweilig geworden sind sie ihm nie, warum denn, fragt er zurück, es sei doch jedes Mal ein anderer Stuhl. »Ich beginne mit grundsätzlichen Fragen: Für wen ist der Stuhl bestimmt? Wofür und wo wird er gebraucht, für wie lange usw.« Grcic ist ein langsamer Tüftler, ein Erfinder im Grunde, der physisch an seinen Entwürfen arbeiten muss und der den Computerbildern nicht traut: »Im Computer arbeitet man in einem entleerten, abstrakten Raum. Außerdem ist die Perspektive anders. Genau so passieren Fehler, die bei unseren Entwürfen auch schon passiert sind und für die wir Lehrgeld bezahlt haben.« Wenn er das erzählt, macht er eine Pause, überlegt, hat dann Sorge, er könnte vielleicht altmodisch wirken. Natürlich benutzen sie auch Computer im Studio, aber nur für bestimmte Arbeitsschritte, als ein Werkzeug unter vielen. Daneben braucht er eine Werkstatt, in der Materialproben und Modelle bis zum Maßstab eins zu eins bearbeitet werden. »Es geht mir um eine bewusste Verlangsamung des Prozesses und ein genaues Prüfen des Stücks im Raum.«

© Fotografiert von Noshe

Vielleicht kommt diese Arbeitsweise daher, dass Grcic zunächst Möbeltischler gelernt hat. Später erst studierte er Design am Royal College of Art in London. Nach dem Studium hat Grcic bei dem Minimalisten Jasper Morrison gearbeitet, der die Augen immer auf die uns alltäglichen Dinge richtet, überlegt, wo etwas vielleicht verbessert werden könnte; auch dieser Einfluss lässt sich in Grcics Arbeiten deutlich erkennen. »Das fasziniert mich am Design: das Hinterfragen der Dinge, die bereits da sind. Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man erfindet etwas Neues, oder man versucht, das Vorhandene zu verbessern. Es ist eine ständige Weiterentwicklung der Welt, ein langsames, evolutionäres Optimieren der Dinge.« Grcic arbeitet eher langsam, er versucht die Themen zu durchdringen und betreibt meist einen großen Aufwand bei der Recherche: Was gab es für dieses Problem schon für Lösungen? Wer hat wann an was gearbeitet? Was wurde aus diesen Ideen? Und lässt sich das Produkt vielleicht durch neue Materialien oder Technologien verbessern?

Das fasziniert mich am Design: das Hinterfragen der Dinge, die bereits da sind.
Konstantin Grcic

© Fotografiert von Noshe

So sind einige seiner bekanntesten Entwürfe entstanden: Die aus Polypropylen gefertigte Leuchte Mayday, die heute Teil der Design-Sammlung des Museum of Modern Art ist, oder der Myto Chair, für dessen besonders feine Strukturen ein neues Spritzgussverfahren entwickelt wurde. Oder sein Klassiker, der Chair One, dessen Gestell ein Aluminiumdruckguss ist, ein Verfahren mit dem sonst nur die Möbelgestelle produziert wurden, die besonders stabil, aber nicht schön sein müssen. Grcic machte daraus den ganzen Stuhl, weil er für die Nutzung im Freien robust und pflegeleicht sein sollte; ein einfacher Stuhl, der nicht schnell schmutzig wird, weil er wenig Oberfläche hat, auf dem sich kein Regenwasser sammeln kann, dessen Material im Sommer nicht zu heiß und im Winter nicht zu kalt wird. Die einfachen Lösungen brauchen eben oft etwas mehr Zeit. Sie müssen gründlich durchdacht sein.

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Tom & Jerry, Hocker, 2011.
Chair_ONE, Stuhl, 2004.
TIP, Abfallelmer, 2003.
Champions, Tisch, 2011.
PRO, Stuhl, 2012.
Medici, Stuhl chair, 2012.

 

So kam Grcic auch dazu, ganze Design-Ausstellungen zu kuratieren. Für ihn ist das ein logisches Nebenprodukt seiner täglichen Arbeit, die Recherche macht er ja sowieso. Als Kurator versteht er sich deswegen nicht, auch nicht als Künstler. »Ich arbeite niemals einfach so für mich. Ich brauche zuerst einen Auftrag, jemanden, der mit einem Problem zu mir kommt, mit dem ich mich dann beschäftigen kann.« Das ist der Trick: Wenn Grcic die Grenzen seiner Tätigkeit überschreitet, dann nur auf Einladung. So hat er als Kurator gearbeitet und, auch wenn er selbst das anders sieht, schon mehrfach als Künstler: In Köln hat er 2001 einen extrem engen Innenraum mit einem Ballon gefüllt, sodass sich die Besucher der Installation daran vorbeischieben mussten. In Rotterdam hat er 2006 bei der Industrial Design Parade einen Laufsteg mit Alltagsgegenständen bestückt. Und in Berlin hat er 2013 die Architektur chinesischer Königspaläste mit banalen Sicherheitsbarrieren – wie wir sie etwa von Flughäfen kennen – nachgezeichnet, wie ein Strukturmodell, das die Besucher fast reflexartig durchwandert haben, so geläufig war ihnen die Bewegung durch diese alltäglichen Barrieren. Recherchieren, kuratieren, Stühle, Flaschenöffner oder Eimer entwerfen, nachdenkliche Installationen in Museen bauen – für Grcic gehört das alles zum Beruf des Produktdesigners. Solange ihn jemand dazu einlädt.

 

Florian Heilmeyer, geboren 1974, arbeitet als Journalist, Autor und Kurator in seiner Heimatstadt Berlin. In Texten, Büchern, Vorträgen und Ausstellungen setzt er sich mit Architektur, Stadt und Gestaltung auseinander. Seit 2007 ist er freier Redakteur für BauNetz und MARK – Another Architecture sowie Korrespondent für Werk, Bauen + Wohnen.