»Ohne Vertrauen geht es nicht«

On Display diskutiert mit Margit Czenki, Christoph Schäfer, Renée Tribble und Lisa Marie Zander von der PlanBude, ob man die Erfahrungen der PlanBude auf andere Orte übertragen kann – und welche Rolle die Kunst im Prozess der Wunschproduktion einnimmt.

ON DISPLAY: In vielen Städten wird gegen Bauvorhaben protestiert. Aber nur in Hamburg ist es gelungen, den Protest in ein Projekt zu verwandeln, an dem Stadt, Investor und Bewohner nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?

MARGIT CZENKI: Der Erfolg der PlanBude hat viel mit Kunst zu tun. Ohne Künstler wäre das Projekt vermutlich versandet, wie viele andere Bürgerinitiativen. Sie fordern etwas, bekommen es nicht, regen sich noch eine Weile auf, aber ihr Protest bleibt folgenlos. Es war die Idee der Künstlerinnen und Künstler, einen anderen Weg zu gehen. Wir haben gedroht, einen parallelen Planungsprozess anzustoßen. Doch wir wollten nicht etwas verhindern, sondern erreichen, dass der ganze Stadtteil gemeinsam plant.


Margit Czenki © Frank Egel 2017

CHRISTOPH SCHÄFER: Dass wir das können, hat auch damit zu tun, dass der Kunst in Europa viele Freiheiten zugestanden werden. In der Kunst erfinden Künstler ihre eigenen Regeln. Die Aufgabe der Kunst ist es, neue Perspektiven aufzuzeigen. Wenn ein Designer oder ein Architekt alles anders machen möchte, bekommt er schnell Schwierigkeiten, weil alle davon ausgehen, dass Architekten und Designer Dienstleister sind. Einem normalen Planungsbüro sagt der Auftraggeber, was für ein Ergebnis er haben will. So kann man mit der PlanBude, in der Kunst einen großen Anteil hat, nicht agieren.

MARGIT CZENKI: In der PlanBude kommen Architektur, Kunst und soziale Arbeit zusammen. Dadurch können wir die Interessen der Anwohner von St. Pauli in den Planungsprozess einbeziehen.

Wir wollten nicht etwas verhindern, sondern erreichen, dass der ganze Stadtteil gemeinsam plant

ON DISPLAY: Ist die PlanBude also ein gelungenes Beispiel für Partizipation und mehr Demokratie auf der lokalen Ebene?

CHRISTOPH SCHÄFER: Uns interessiert Stadt als ein Gefüge, das unterschiedliche und widersprüchliche Dinge möglich macht, ohne dass darüber abgestimmt worden ist. Das finden wir ja super. Die Widersprüchlichkeit, Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit, die wir im Kopf immer mit Demokratie verbinden, wird jedoch zunehmend von kapitalistischen Monopolisierungsprozessen und der damit einhergehenden Langeweile und Normierung ausgewaschen. Eine Stadt braucht deshalb Leute, Kollektive und Teams, die die Wünsche der Vielen einbringen. Es geht darum, die Karten anders zu mischen und Vielfältigkeit zu fördern.


Christoph Schäfer © Frank Egel 2017

RENÉE TRIBBLE: Letztlich geht es immer um Aushandlung. Stadtgestaltung und Stadtentwicklung betrifft alle Stadtbewohner im unmittelbaren Umfeld. Doch sie haben sehr wenig Gestaltungsmöglichkeiten, haben oft das Gefühl, nicht eingreifen zu können, weil die Prozesse nicht einfach zu verstehen sind. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese »anderen« Stimmen hörbar zu machen. Es geht darum, die Leute sprechen zu lassen, die normalerweise bei Stadtentwicklungsprozessen nicht gefragt werden. Und das ist ja Demokratie, dass die, die in der Stadt leben, gehört werden und Einflussmöglichkeit darauf haben, wie sich die Stadt entwickelt. Es geht gar nicht darum, unbedingt alles zu bestimmen, sondern unterschiedliche Interessen sichtbar zu machen und Dinge auszuhandeln. Es ist ja klar, dass der Investor Geld verdienen will. Genauso klar sollte sein, dass die Zivilgesellschaft Interessen hat. Doch Politik und Verwaltung trauen sich meist nicht, echte Beteiligungsformate zuzulassen, weil sie Angst haben, dass dabei völlig utopischer Kram oder maßlose Forderungen gestellt werden – oder man die Kontrolle verliert. Aber wir glauben, dass man dieses Wagnis einfach eingehen muss.


PlanBude, St. Pauli, Hamburg © Frank Egel 2017

ON DISPLAY: Die PlanBude war in Hamburg sehr erfolgreich. Gemeinsam mit den Anwohnern hat sie den St. Pauli Code erarbeitet, der Grundlage für den Architekturwettbewerb war. Kann man diese Vorgehensweise auf Bauvorhaben in anderen Städten übertragen?

LISA MARIE ZANDER: Ich weiß nicht, ob das übertragbar ist. Ohne die Ressourcen, die es auf St. Pauli gibt, wäre das so nicht möglich gewesen. Das fängt schon damit an, dass es bei den Verhandlungen mit der Stadt total hilfreich war, dass es vorher schon Park Fiction gab. Und im ganzen Stadtteil gab es eine große Unterstützung. Es sind viele Leute zu den Veranstaltungen gekommen, haben mitgemacht und stehen jetzt hinter dem St. Pauli Code.


Lisa Marie Zander © Frank Egel 2017

MARGIT CZENKI: Das geht nur, wenn man in der Stadt und im Stadtteil wirklich gut vernetzt ist. Nur temporär als Büro anzurücken und die in Hamburg entwickelten Tools zu nutzen, reicht nicht. Die Netzwerkarbeit und das Vertrauen im Stadtteil sind ganz entscheidend.

Es geht darum, die Leute sprechen zu lassen, die normalerweise bei Stadtentwicklungsprozessen nicht gefragt werden

CHRISTOPH SCHÄFER: Trotzdem ist es wichtig, das Modell PlanBude auf andere Orte zu übertragen. Man muss aber, je nachdem, wo man sich befindet, neue Tools entwickeln. Man muss überlegen: Wer ist denn hier wie stark betroffen und sollte vielleicht stärker einbezogen werden? Wie macht man Stimmen hörbar, die systematisch zu wenig zu hören sind? Eine PlanBude zu unterstützen, wäre von einem Bürgermeister oder einer Bürgermeisterin eine politische Vorentscheidung, den Stimmen, die wir immer hören – die der Investoren und Eigentümer –, weniger Gewicht zu geben. Im Sinne des Gemeinwohls ist es wichtig, Stadtplanung neu zu definieren und Macht auf die zivilgesellschaftliche Ebene zu verlagern.


Renée Tribble © Frank Egel 2017

RENÉE TRIBBLE: Das setzt aber einen Vertrauensvorschuss von Politik und Verwaltung voraus. In einem ergebnisoffenen Prozess muss man sich auf das Wissen der Vielen einlassen, ohne vorher zu wissen, was dabei rauskommt. Dieses Vertrauen in die Stadtbewohner ist für Demokratie wichtig, gerade weil die Zivilgesellschaft in dem Akteursdreieck von Verwaltung/Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft meist zu wenig gehört wird. Ohne Vertrauen geht es nicht.

Das Interview führten Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer.