Wie gelingt lokale Partizipation?

»Design ist unsichtbar«, schrieb der Soziologe Lucius Burckhardt vor fast 40 Jahren. Denn Design bezieht sich nicht nur auf Gegenstände, sondern auch auf gesellschaftliche Prozesse. Genau damit beschäftigt sich die PlanBude, eine Hamburger Gruppe, die sich für mehr Partizipation in der Stadtentwicklung engagiert.

Bei vielen Bauvorhaben in Deutschland ist eine Beteiligung der Bevölkerung vorgesehen. Meist ist das aber kein Dialog auf Augenhöhe. Ein bereits durchgeplantes Projekt wird vorgestellt, die Bürger können nur noch Einspruch erheben – und haben oft das Gefühl, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Statt produktivem Engagement entsteht eine ablehnende Haltung. Die PlanBude geht einen völlig anderen Weg, sie eignet sich zum Vorbild für die Gestaltung von zukünftigen Partizipationsprozessen.

Am Anfang der PlanBude stand kein Beteiligungsverfahren, sondern lokaler Protest. Er richtete sich gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus den 1960er-Jahren, die Esso-Häuser in Hamburg. Statt Abriss und Neubau forderten die Bewohner der Häuser eine behutsame Sanierung. Immer wieder gab es Demonstrationen, an denen Anwohner des Stadtteils St. Pauli sowie Kunst- und Kulturschaffende aus ganz Hamburg teilnahmen. Doch als deutlich wurde, dass der Investor zu einer Sanierung nicht bereit war, forderte die aus den Protesten hervorgegangene Plattform »St. Pauli selber machen« für die Neubebauung zumindest ein Beteiligungsverfahren, das die Wünsche und Interessen des Stadtteils zur Grundlage des Entwurfs machen sollte.

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Was nun folgte, ist ein seltener Glücksfall in der Stadtpolitik: Eine Gruppe von an »St. Pauli selber machen« beteiligten Stadtteilaktivisten war bereit, diesen neuartigen Beteiligungsprozess zu organisieren. Die Stadtverwaltung war bereit, diese Gruppe förmlich zu beauftragen. Und der Investor war bereit, sich auf diesen ergebnisoffenen Prozess einzulassen.

So entstand die PlanBude, ein transdisziplinäres Team von sieben Leuten zwischen Anfang 20 und Mitte 70: die Künstlerin Margit Czenki, der Architekt Volker Katthagen, die Sozialarbeiterin Christina Röthig, der Künstler Christoph Schäfer, die Stadtplanerin Renée Tribble, die Architekturstudentin Lisa Marie Zander und die Kulturwissenschaftlerin und Musikerin Patricia Wedler. Sie brachten ihre Erfahrungen ein, um den Protest zu einem Projekt weiterzuentwickeln.

Die PlanBude entwickelte viele kreative Werkzeuge, setzte nicht bloß auf standardisierte Fragebögen und Haustürgespräche

Ausgangspunkt für das Beteiligungsverfahren war das Konzept der »Wunschproduktion«. Statt nur Meinungen und Stimmungen gegen etwas zu sammeln, sollen Wünsche produziert werden. Das Wissen und die unterschiedlichen Vorstellungen der Anwohner im Stadtteil sollen sichtbar gemacht werden. Eine Voraussetzung dafür ist die Vernetzung und Präsenz vor Ort. Die PlanBude stellte am umstrittenen Baugrundstück einen Container auf. Und sie wartete nicht, bis die Stadtbewohner zu ihr kamen, sondern zog mit ihren »taktischen Möbeln« als mobiles Planungsbüro durch den Stadtteil. Die PlanBude entwickelte viele kreative Werkzeuge, setzte nicht bloß auf standardisierte Fragebögen und Haustürgespräche. Sie arbeitete mit Lego- und Knetmodellen, veranstaltete Workshops für Kinder und Jugendliche, bot Erkundungstouren wie Fotosafaris oder Soundwalks durch das Stadtviertel an und stellte gedankliche Freiräume wie zum Beispiel eine »Inspirationscouch « zur Verfügung. Besonders wichtig: Sie nahmen alle Vorschläge ernst. Über 2.300 Wünsche und Entwürfe wurden archiviert und ausgewertet. Die Ergebnisse wurden wiederum in Stadtteilversammlungen diskutiert. Dabei nahm die PlanBude eine Haltung ein, die für das Ergebnis grundlegend ist. Es sollte kein Konsens erzwungen werden, die Widersprüche sollten er- und ausgelebt werden. So entstand der St. Pauli Code, der für die neue Bebauung Unterschiedlichkeit statt Homogenität, Kleinteiligkeit statt Monokultur vorsieht und die zudem günstig sein soll – sowie Freiräume ohne Konsumzwang.

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Dieser St. Pauli Code wurde vom Investor akzeptiert und war Grundlage für den Architekturwettbewerb. Mit der nun von verschiedenen international renommierten Architekten geplanten Bebauung – inklusive eines Park Fiction 2.0 auf dem Dach, einer Kletterwand und einem Basketballplatz – können alle gut leben: die Bewohner des Stadtteils, die Politik und der Investor.

Es sollte kein Konsens erzwungen werden, die Widersprüche sollten er- und ausgelebt werden

Der Erfolg der PlanBude zeigt, dass frühzeitige lokale Partizipation in der Stadtplanung nicht heißt, dass Laien versuchen, die Arbeit von Architekten und Stadtplanern zu übernehmen. Im Gegenteil: Partizipation meint in diesem Fall, dass den Architekten und Stadtplanern das Wissen, die Wünsche und die Bedürfnisse der Anwohner bekannt sind, damit sie ortsspezifische Besonderheiten in ihre Entwürfe einbeziehen. Das führt zu einer großen Identifikation der Anwohner mit ihrem Stadtteil und zu einer besseren Architektur. Lokale Partizipation stärkt die Demokratie. Die Gestaltung und Umsetzung von Beteiligungsprozessen ist eine wichtige Aufgabe, damit Demokratie nicht nur ein formaler Akt, sondern gelebter Alltag ist.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«