Beschleunigt Vergänglichkeit Wachstum?

Wenn man heute für sein Smartphone eine leistungsfähigere Kamera haben möchte, muss man sich ein neues Gerät kaufen. Die Kamera lässt sich nicht einfach austauschen. Für andere Bestandteile – den Speicher, den Akku, den Bildschirm – gilt das auch.

Der niederländische Designer Dave Hakkens stellte deshalb 2013 das Konzept für ein Smartphone vor, das ganz anders funktioniert. Es heißt Phonebloks, weil es aus einzelnen Modulen besteht. Auf eine Basisplatine, so die Idee, können verschiedene »Bloks« gesteckt werden – als handele es sich um Legosteine. Diese Blöcke sind eigenständige Funktionseinheiten wie zum Beispiel ein Akku, ein Prozessor oder Lautsprecher, eine Kamera oder eine Speicherkarte. So kann der Benutzter sich sein Handy nicht nur nach Belieben zusammenstellen oder aufrüsten, sondern auch kaputte Teile problemlos ersetzen. Die Vergänglichkeit eines Moduls bedeutet nicht das Ende des Geräts. Das spart dem Benutzer Kosten und reduziert Elektroschrott. 

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Doch damit hat sich Hakkens‘ Ansatz nicht erschöpft. Phonebloks ist eine offene Plattform, auf der unterschiedliche Hersteller Funktionseinheiten entwickeln, produzieren und vertreiben können. Der Nutzer soll sich aus den angebotenen Modulen sein eigenes, maßgeschneidertes Smartphone zusammenstellen können.

Dave Hakkens versteht sich als Designer, der Konzepte und Ideen entwickelt, die andere inspirieren. Zwar sind die Phonebloks bislang nur eine Konzeptstudie, aber Hakkens hat eine internationale Online-Community gegründet, in der potenzielle Nutzer die Idee von Phonebloks verbreiten und weiterentwickeln.


© Dave Hakkens

Fast zeitgleich mit Dave Hakkens hat Motorola/Google 2013 begonnen, ein modulares Smartphone zu entwickeln – das Project Ara. Während die technische Entwicklung von Ara Knaian, dem Namensgeber von Project Ara, und seinem Ingenieurbüro NK Labs aus Cambridge, Massachusetts, verantwortet wurde, entwarf die Agentur NewDealDesign aus San Francisco den ersten funktionsfähigen Prototyp. Wie Dave Hakkens sehen sie Design als ein pragmatisches Instrument zur Problemlösung an. Aber anders als Hakkens arbeiten sie nicht nur an Konzepten, sondern als Industriedesigner auch an der Umsetzung in reale Produkte. Dreh- und Angelpunkt des von ihnen entwickelten Prototyps ist eine skelettartige Gitterstruktur, in die Module eingeklickt und durch Magneten gehalten werden. Bei »Projekt Ara soll der Nutzer der Designer seines eigenen Produktes werden«, so Gadi Amit von NewDealDesign. Deshalb ist das Project Ara als offene Plattform gedacht. Lapka, eine auf Umwelttechnik spezialisierte Designagentur aus San Francisco, entwickelte zum Beispiel Module, die die Luftqualität messen. Doch auch dieses Smartphone-Konzept ist bislang nicht Wirklichkeit geworden – kurz vor dem geplanten Termin zur Markteinführung hat Google das Projekt abgebrochen.


© Dave Hakkens

Natürlich arbeiten auch andere Hersteller an modulartigen Smartphone-Konzepten. Beim Fairphone 2 kann man einige Bausteine recht einfach austauschen, gerade ist eine leistungsfähigere Kamera auf den Markt gekommen mit der man sein Fairphone 2 aufrüsten kann. Auch LG und Motorola bieten inzwischen modulare Smartphones an. Doch diese Produkte sind weniger radikal als die Idee von Phonebloks oder Project Ara.

Woran das liegt? Sicherlich gibt es bei der Realisierung eines modularen Smartphones noch technische Probleme. Und möglicherweise ist unsere Gesellschaft auch nicht an konsequenter Nachhaltigkeit interessiert. Denn eine wachstumsorientierte Wirtschaft profitiert von der Vergänglichkeit – sonst würden ja keine neuen Produkte gekauft.


© Dave Hakkens

Aber die Ideen gehen nicht verloren. Und es wird in Zukunft neue Versuche geben, Produkte zu entwickeln, die durch die Verwendung austauschbarer Module mehr Nachhaltigkeit ermöglichen. Vielleicht geht es schneller, als wir denken:

Im Frühjahr 2017 hat Facebook ein Patent für ein modulares Smartphone angemeldet. Wir sind schon jetzt auf die ersten Designstudien gespannt.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«