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Petra Blaisse: Choreografin des Raums

Die Designerin Petra Blaisse verbindet Gegensätzliches mühelos. In ihren Arbeiten hebt sienicht nur die Grenze zwischen Innen und Außen auf, sondern ihr gelingt mit der Forschung zum Solar Curtain auch der Brückenschlag zwischen poetischen Formen und Hightech. Dafür arbeitet sie mit Ingenieuren und Textilexperten von überall auf der Welt. Kayoko Ota beschreibt die Arbeitsweise, den Forschungsprozess und das Selbstverständnis der Designerin.

Wenn Designer Räume gestalten, geht es ihnen meist um eine ästhetische Ordnung der Dinge. Oder sie wollen eine Umgebung stimmig und bedürfnisgerecht gestalten und die Nutzer erfreuen. Jenseits von Schönheit und Funktion kann Design aber auch überraschen und Emotionen hervorrufen: Wer von Petra Blaisse gestaltete Räume betritt, wird unerwartete Entdeckungen machen – und es genießen.

Jenseits von Schönheit und Funktion kann Design überraschen und Emotionen hervorrufen.

Die Gestaltung von Innenräumen und landschaftsarchitektonischen Arbeiten bilden den Kern von Petra Blaisses Werk. Sie organisiert Innen- und Außenräume mit nichtarchitektonischen Materialien – in der Regel Textilien oder Pflanzen. Dass ein und dieselbe Person in beiden Bereichen tätig ist, kommt selten vor – bei Blaisse ergibt es jedoch durchaus Sinn. Im Grunde will sie sämtliche Elemente eines Raums – das Innen, das Außen und das Dazwischen – durch ihre Eingriffe in Beziehung zueinander setzen, Interaktionen anregen und Freude bereiten. »Design ist eine Abfolge von Entscheidungen, die ein Problem lösen müssen«, sagt die Designerin.

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»Vorhänge« und »Gärten« sind passende – wenn auch vielleicht vereinfachende – Bezeichnungen für ihre Tätigkeitsfelder. Mithilfe von Vorhängen organisiert Petra Blaisse Räume, doch sie arbeitet auch mit horizontalen Flächen. Dank ihrer Kreativität und ihrer innovativen Ideen – Blaisse hat sie in weitreichenden und aufwändigen Experimenten entwickelt – erfüllen ihre Vorhänge beeindruckend viele Funktionen in einem Raum.

Die Vorhänge bilden einen weichen und warmen Kontrast zur harten Bausubstanz. Sie bewegen sich im Wechselspiel mit Licht, Klang, Wind oder dem menschlichen Körper. Häufig sind Blaisses Vorhänge so groß wie Wände und werden zu wirkungsvollen Raumtrennern. So erzeugen sie etwa unterschiedliche Atmosphären und ermöglichen verschiedene Nutzungen innerhalb einzelner Räume. Durch die Vorhänge lassen sich auch Innen und Außen wirkungsvoll verbinden oder voneinander trennen. Und sie können als entscheidendes architektonisches Element wichtige Funktionen im Raum erfüllen. Blaisse hat gewissenhaft Experimente durchgeführt, um technische Innovationen mit Besonderheiten des jeweiligen Kontextes zu verbinden.

Die Vorhänge bewegen sich im Wechselspiel mit Licht, Klang, Wind oder dem menschlichen Körper.

Der Garten – oder besser die Landschaftsgestaltung – ist ein lebendiges Bindeglied zwischen der Architektur und ihrer Umgebung. Mit Pflanzen und Gegenständen schafft Petra Blaisse Erlebnisräume unter freiem Himmel: Orte, an denen der Übergang zwischen innen und außen fließend ist, die sich für Mußestunden anbieten, oder die von innen betrachtet werden können. Die Gärten der Designerin, häufig als öffentliche Räume angelegt, infiltrieren nach und nach die Architektur und lassen einen Dialog entstehen. Sie können aber auch Gefängnisinsassen dazu ermutigen, Körper und Geist zu aktivieren. Oder sie bieten Fußgängern ein Kultur- und Bildungsprogramm.

Dieser fruchtbare Boden der »Vorhänge und Gärten«, den Blaisse in ihrer Laufbahn kultiviert hat, profitierte von der langfristigen Zusammenarbeit mit Architekten, insbesondere mit Rem Koolhaas und dem Office for Metropolitan Architecture (OMA). Seit Beginn ihrer schon Jahrzehnte andauernden Karriere als Designerin arbeiten Blaisse und das OMA zusammen. Gemeinsam entwickelten sie eine Art architektonisch zu denken – Design Thinking in Form von Architektur –, die Innen- und Außenräume sehr bereichert. Durch die Einzelaufträge der Designerin erhält ihr 1991 gegründetes Studios Inside Outside zunehmende Aufmerksamkeit. Dass Blaisse 2012 dazu eingeladen wurde, eine Solo-Installation für den niederländischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig zu entwerfen, zeigt, dass man ihre Arbeit als »architektonisch« begreift.

Die Stärke der Designerin beruht auf Forschung und Experimenten, die für sie ein wichtiger Teil des Entwurfsprozesses sind.

Restaurierungsarbeiten, Projekte in der Stadtplanung, öffentliche Parks, Auftragsarbeiten im Kunstbereich und die Gestaltung privater Räume sind das Tagesgeschäft ihres Studios. 2015 unterstrich Blaisse durch den Einsatz von Spiegelböden bei der Transformation des historischen Sonneveld Hauses in Rotterdam (mit einer temporären Innen-/Außen-Installation) den Kern der architektonischen Absicht des Gebäudes und kommentierte gleichzeitig dessen musealen Kontext.

Die Stärke der Designerin beruht auf der Forschung und den Experimenten, die für sie ein wichtiger Teil des Entwurfsprozesses sind. Kürzlich zeigte mir Blaisse einige gewellte Stoffbahnen, gestrickt aus verschiedenen Garnen, unter anderem einem Metallgarn, dass Elektrizität leitet. Es handelte sich dabei um den Prototyp eines Solarvorhangs. An der Fassade eines Gebäudes installiert, macht er sich die Sonnenenergie zu Nutze. Jahrelang arbeitete Petra Blaisse mit ihrem Studio Inside Outside, dem Textielmuseum Tilburg und technischen Experten von Solar Fiber an diesem Projekt, um die schwierigen technischen Probleme zu lösen. Der Solarvorhang ist lediglich die jüngste Herausforderung, der sich die Designerin seit Beginn ihrer Karriere stellt. Weil sie stetig experimentiert, ausprobiert und reflektiert, erzeugt ihre Arbeit Fluidität, positive Resonanz, geistreiche Dialoge und Freude.

Der Begriff Design erscheint fast zu konventionell und eng für das, was Petra Blaisse macht.

Der Begriff Design erscheint fast zu konventionell und eng für das, was Petra Blaisse macht und bewirkt. Letztlich hat sie einen Bereich etabliert und erfolgreich ausgebaut, der sowohl über das konventionelle Verständnis als auch die Kategorien der Architektur – das Innen und das Außen – hinausweist.

 
Petra Blaisse, geboren 1955, studierte Freie Kunst in London und Groningen. Danach arbeitete sie am Department für Angewandte Kunst des Stedelijk Museum in Amsterdam. 1986 begann sie eine Karriere als Designerin im Architektur-, Ausstellungs- und Theaterkontext und als Landschaftsarchitektin. Gemeinsam mit ihrem in Amsterdam ansässigen Designstudio Inside Outside realisiert sie überall auf der Welt aufsehenerregende Installationen in Innen- und Außenräumen.
Kayoko Ota lebt in Tokio, wo sie als Kuratorin, Autorin und Herausgeberin mit dem Schwerpunkt Architektur tätig ist. Sie war Mitglied von AMO, einem Think Tank für Kreative in Rotterdam, und realisierte eine Vielzahl von forschungsbasierten Ausstellungen und Publikationen. Außerdem war sie stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift Domus in Mailand und 2014 Kommissarin für den japanischen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig. Ota ist Dozentin an der Harvard University Graduate School of Design. Als Herausgeberin des 2007 erschienenen Buches über Petra Blaisse kennt sie sich mit deren Arbeiten bestens aus. Für On Display porträtiert sie die Designerin und stellt einige ihrer Projekte vor.