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»Ich spiele gern«

Der Designer Maarten Baas verändert mit seinen künstlerischen Objekten unseren Blick auf Vergänglichkeit. Im Interview mit On Display spricht er über die Zeit, Schönheitsideale und erklärt, warum das Zweifeln so wichtig ist.

ON DISPLAY: Maarten Baas, es war nicht einfach, sich mit Ihnen zu verabreden. Jetzt sitzen wir hier beisammen auf einem kleinen Bauernhof bei ’s-Hertogenbosch in den Niederlanden. Ziehen Sie sich gern aufs Land zurück?

MAARTEN BAAS: Ich ziehe mich gern ein wenig vom Trubel der Welt zurück. Ich lasse mich auch sonst nur ungern von äußeren Faktoren wie Markterwartungen einschränken – oder von den Zwängen, die Projekte mit 100 Mitarbeitern mit sich bringen. Wenn keine Arbeit anliegt, muss ich nichts erzwingen. Ich sitze einfach da und warte, was passiert. Ich surfe auf den Wellen der Zeit und lasse mich treiben. Da ist mal Handeln, mal Warten angesagt, bis ich wieder produktiv sein kann.


© Iris Duvekot

OD: Die Zeit spielt in Ihrer Arbeit eine wichtige Rolle.

MB: Ja, weil ich Uhren entwerfe, die offensichtlich mit Zeit zu tun haben. Ich stelle buchstäblich Zeitstücke her, die uns die Zeit anzeigen, während wir leben – unsere Lebenszeit. Die Zeit ist jedoch nur ein Aspekt meiner Arbeit. Mir geht es vor allem darum, Fragen zu stellen und zu zweifeln.


© Iris Duvekot

OD: Bei der Smoke-Serie ist Zeitlichkeit dagegen nur eine Facette, oder?

MB: Bei Smoke ging es zu Beginn darum, Schönheit und menschliche Werte zu hinterfragen. Zeit spielte aber auch eine Rolle: Wer etwas Neues kauft, möchte nicht, dass die Spuren der Zeit darauf zu sehen sind. Es soll während seiner gesamten Lebensdauer neu aussehen und keine Kratzer haben. Aber wahre Schönheit hat mit ständiger Veränderung zu tun – das ist auch der Grund, warum wir die Natur so genießen. Bei Smoke wollte ich mit dieser Idee spielen. Ich wollte sehen, ob es mir gelingt, ein Gleichgewicht zwischen Beständigkeit und Wandel herzustellen.


© Iris Duvekot

OD: Für die Smoke-Serie haben Sie sich auch bei Designklassikern bedient. Hat das einen theoretischen Hintergund?

MB: Das war eher intuitiv. Ich glaube, dass jede Intuition auf unserem theoretischen Wissen und unserem praktischen Know-how beruht. Sie bilden die Grundlage von intuitiven Entscheidungen. Manchmal kann ich erst im Nachhinein erklären, warum ich etwas gemacht habe.

OD: Einen Designklassiker zu verbrennen, kann ein Akt der Vertuschung, aber auch der Befreiung sein. Worum ging es Ihnen dabei?

MB: Es kann befreiend sein, wenn man registriert, dass die Objekte, auch nachdem sie verbrannt wurden, geschätzt werden. Die daraus entstehende Energie verleiht neuen Antrieb.


© Iris Duvekot

OD: Können Sie uns etwas über den Herstellungsprozess von Smoke erzählen?

MB: Ehrlich gesagt, bin ich gar nicht so erpicht darauf, über die Herstellung zu sprechen. Einigen Designern ist das sehr wichtig, vor allem, wenn sie mit experimentellen Methoden oder besonderen Materialien arbeiten. Bei mir ist es anders: Das Verfahren richtet sich nach dem gewünschten Endergebnis. Ich möchte ein bestimmtes Ergebnis erzielen, dazu brauche ich ein bestimmtes Verfahren, aber das steht nicht im Mittelpunkt.


© Iris Duvekot

OD: Trotzdem gibt es im Internet ein Making-of-Video, in dem Sie die Herstellung eines Smoke-Stuhls erklären. Ist das kein Widerspruch?

MB: Ich habe meine aktuelle Ausstellung in Groningen nicht ohne Grund Hide and Seek genannt. Ich möchte irritieren, denn sobald sich etwas klar einordnen lässt, ist es mit einer Erwartung verknüpft, die es erfüllen soll. Ich möchte mich aber nicht einordnen lassen. Ich glaube, das zeichnet aus, was ich mache und was jeder Künstler tun sollte – sich nicht einschränken lassen, nur um Erwartungen zu erfüllen.


© Iris Duvekot

OD: Sind Ihre Arbeiten dann noch Design oder schon Kunst?

MB: Das werde ich häufig gefragt, denn ich arbeite genau an der Schnittstelle. Ich sage dann meist, dass wir darüber stundenlang reden, es aber auch einfach sein lassen könnten. Die Leute wollen dich in eine Schublade stecken, das finde ich frustrierend. Aber manchmal spiele ich auch gern damit. Nach dem Motto: Wenn ihr mich schon in eine Schublade stecken wollt, dann sorge ich zumindest für ein bisschen Durcheinander und schaue, was passiert. Letztendlich mache ich einfach weiter mein Ding, und wer meine Arbeit unbedingt einordnen will, kann das tun.


© Iris Duvekot

OD: Möchten Sie mit Ihren Objekten den Betrachter zum Nachdenken anregen?

MB: Ich würde die Menschen gern inspirieren. Inspiration kann unterschiedlich aussehen. Ich bilde mir nicht ein, mit einem Statement die Dinge wesentlich ändern zu können. Aber ich glaube, dass es Menschen dazu anregen kann, Neues zu wagen und weiterzukommen. Jeder interpretiert meine Arbeit anders. Ich habe keine bestimmte Intention, ich bin kein Aktivist. Ich spiele gern. Yeah, das ist meine Art Dinge anzugehen. Und andere können darüber denken, was sie wollen.

Maarten Baas, geboren 1978, ist ein niederländischer Designer, der mit künstlerischen Mitteln die Grenzen seiner Disziplin auslotet. Seit er für seine Studienabschlussarbeit 2002 an der Design Academy Eindhoven Möbelstücke verbrannte, hat er mit seinen poetisch-radikalen Smoke-Serien für viel Aufsehen gesorgt.
Das Interview führte Friedrich von Borries.