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Julia Lohmann: Auf der Suche nach einem neuen Wertesystem

Mit ihrer fast handwerklich anmutenden Forschung fügt Julia Lohmann der Materialgeschichte ein neues Kapitel hinzu, das von Seetang handelt. Johanna Agerman Ross porträtiert die Designerin und erklärt, warum diese kein Interesse daran hat, Gebrauchsgegenstände für die industrielle Produktion zu entwerfen, sondern lieber in ihrem Atelier unmittelbar mit den Materialien arbeitet.

Im Jahr 2013 konnte man die deutsche Designerin Julia Lohmann oft auf dem Weg zum Hörsaal des Sackler Centre im Londoner Victoria and Albert Museum antreffen. Als Gastdesignerin baute sie an der renommierten Institution ihre eigene Abteilung auf, die sie Department of Seaweed (Institut für Meeresalgen) nannte – getreu der traditionellen Aufteilung des Museums in verschiedene Bereiche für Materialien wie etwa Glas, Metall und Keramik. Wie der Name schon andeutet, konzentrierte sich Lohmann während ihres Aufenthalts in London auf Meeresalgen respektive Seetang.

Ich arbeite mit Analogien zu anderen Materialien.

Monat für Monat füllte sich das helle und großzügige Atelier der Designerin mit algenbasierten Strukturexperimenten. Sie entstanden im Zuge ihrer Suche nach Möglichkeiten, Meeresalgen in der industriellen und manuellen Fertigung zu verwenden. »Ich arbeite mit Analogien zu anderen Materialien«, erklärte Lohmann damals. »Ist das entsprechende Material beispielsweise Glas, ist die Lichtdurchlässigkeit entscheidend und es könnten Farben hinzugefügt werden; hierfür probiere ich verschiedene Färbemittel aus«, sagte sie. »Handelt es sich dabei hingegen um Holz, ist es besonders wichtig, darauf zu achten, welche Klebstoffe verwendet und welche Arten von Furnier entwickelt werden. Ein weiteres analoges Material ist Leder, was natürlich bedeutet, dass der Seetang flexibel und stabil zugleich sein muss.« Verglichen mit natürlichem Seetang, den Lohmann zum ersten Mal sechs Jahre zuvor während ihrer S-AIR Künstlerresidenz im japanischen Sapporo entdeckte, entstand im Laufe ihrer Zeit in London ein völlig neues Material.

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Diese Art des Experimentierens – man nimmt ein bislang unerforschtes Material und macht es für die Warenproduktion nutzbar – gehört schon immer zum Design. Tatsächlich basiert auf ihr der größte Teil von Design und angewandter Kunst, den das Victoria and Albert Museum seit seiner Gründung 1852 sammelt. Ein Beispiel dafür ist der rote Ton, den Töpfer aus Staffordshire im 17. Jahrhundert als hitzebeständiges Material zu erforschen begannen und der eine gesamte Industrie beflügelte. Oder die ersten Spritzguss-Experimente von Betrieben in den 1960er-Jahren aus der Gegend um Brera, die Form und Herstellung von Möbeln im späten 20. Jahrhundert völlig veränderten. Es scheint jedoch, dass sich in der Designindustrie eine Abhängigkeit von Materialien etabliert hat, die – mit etwas Abstand betrachtet – kaum zukunftsfähig sind. Gerade vor dem Hintergrund der gewaltigen ökologischen Herausforderungen, die unser maßloser Verbrauch fossiler Brennstoffe und die Ausbeutung regenerativer Rohstoffe verursachen, müssen wir uns diesem Problem dringend stellen. Julia Lohmann positioniert sich angesichts dieser Entwicklungen als kritischer Geist: Sie geht unserer Materialgeschichte – oder vielmehr der Abhängigkeit davon – auf den Grund und fragt danach, ob es nicht an der Zeit ist, das Wertesystem im Design insgesamt zu überdenken. In ihrer mittlerweile fünfzehnjährigen Berufspraxis hat sie sich stets dafür interessiert, ob die Verbindung von Design und natürlicher Welt ein neues System entstehen lassen kann.

Ein Bewusstsein für die Ursprünge der Materialien.

»Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht«, schrieb der österreichisch-amerikanische Designer und Aktivist Victor Papanek 1971 in seinem Buch Design für die reale Welt. Papaneks Ansatz konzentrierte sich vor allem darauf, Designpraxis als Instrument der weltweiten Entwicklung einzusetzen. Julia Lohmann hingegen will mit ihren Werken ein Bewusstsein für die Ursprünge der Materialien, mit denen wir uns umgeben, schaffen. Für sie scheint es zwischen unserer zeitgenössischen Lebensweise und der Pflanzen- und Tierwelt, zu der diese Lebensweise entweder in Abhängigkeit steht oder die sie durch Umweltverschmutzung und Ausbeutung negativ beeinflusst, keine Verbindung mehr zu geben. Mit ihren Materialexperimenten versucht die Designerin, diese Verbindung wiederherzustellen.

Ich möchte Gegenstände entwickeln, die Fragen aufwerfen, wie wir Ressourcen konsumieren und zu welchem Zweck wir designen.

Lohmann machte 2004 ihren Master in Design Products am Londoner Royal College of Art. Allein – oder auch gemeinsam mit ihrem Partner Gero Grundmann – arbeitete die Designerin bereits an Projekten, bei denen Kalbskadaver, anstatt verbrannt zu werden, als Gussform für Bänke verwendet wurden; bei denen aus schon entsorgten Schafsmägen Lampenschirme für Hängeleuchten wurden; und bei denen sie weggeworfene Knochen in wunderbare Schmuckstücke verwandelte. »Design sollte uns davon abhalten, der Welt gegenüber taub zu werden und uns stattdessen dazu auffordern, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben führen«, sagte Lohmann in Gareth Williams’ Buch 21: Twenty One: 21 Designers for 21st Century Britain aus dem Jahr 2012. »Ich möchte Gegenstände entwickeln, die Fragen aufwerfen, wie wir mit unserer Umwelt interagieren, wie wir Ressourcen konsumieren und zu welchem Zweck wir designen.«

Bis heute ist keine von Lohmanns Arbeiten als Gebrauchsgegenstand auf dem Markt erhältlich und keiner ihrer Entwürfe ist industriell hergestellt worden. Eine solche Produktion gilt als heiliger Gral unter den Designern, ist aber gar nicht unbedingt ihr Ziel. Ihre Projekte wurden von Kulturinstitutionen wie dem Victoria and Albert Museum oder dem British Council gefördert. Und werden Lohmanns Werke verkauft, dann durch Galerien wie Kreo in Paris oder Libby Sellers in London, die auf Design in hochwertigen und limitierten Editionen spezialisiert sind. Der Verkauf der Produkte steht für die Designerin jedoch nicht im Vordergrund. Für sie sind Ausstellungsorte eine Plattform, um ihre Forschung zu zeigen, Diskussionen und Reflexionen anzustoßen. Letztlich kann eine öffentlich ausgestellte Arbeit in ihren Augen einen größeren Effekt erzielen und zu einer anderen Form der Kontemplation beitragen als ein Stück, das vor allem für den Heimgebrauch gedacht ist.

Der Verkauf der Produkte steht für die Designerin nicht im Vordergrund.

Julia Lohmann ging für ihr Bachelorstudium von Deutschland nach Großbritannien. Ihren Abschluss in Kommunikationsdesign machte sie 2001 am Surrey Institute of Art and Design. Nach wie vor befassen sich ihre Arbeiten in verschiedener Hinsicht mit Kommunikation. Die Diskussionen, die sie damit anstößt, passen gut in das Umfeld, in dem ihre Werke ausgestellt werden. Wo ließen sich die Anwendungsmöglichkeiten von Seetang im Design besser untersuchen als in einer Institution, die sich der Materialkultur der letzten 5.000 Jahre widmet?

»Für mich ist das Museum ein infrastruktureller Knotenpunkt für diese Art von Design. Es ist ein öffentlicher Ort, der der Bewahrung und Verbreitung von Wissen aus Vergangenheit und Gegenwart gewidmet ist«, schreibt Lohmann in ihrer bald abgeschlossenen Dissertation, die in Kooperation mit dem Royal College of Art und dem Victoria and Albert Museum entsteht.

Gerade an der Schnittstelle zwischen text- und materialbasierter Forschung hat Julia Lohmann einen großen Einfluss darauf, wie wir uns mit zeitgenössischen Designern auseinandersetzen und wie wir sie betrachten – nämlich als Entdecker und nicht bloße Formgestalter.

 
Julia Lohmann, geboren 1977, studierte Design in Epsom und London. Ihre Arbeiten wurden international in Ausstellungen gezeigt und sind in vielen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, wie im MoMA, New York. 2011 setzte das Magazin Rolling Stone sie auf die Liste der 20 Designer, die das Design im kommenden Jahrzehnt am stärksten prägen werden. Lohmann ist Professorin an der HFBK Hamburg und Doktorandin am Royal College of Art in London.
Die gebürtige Schwedin Johanna Agerman Ross studierte Designgeschichte in London und arbeitete drei Jahre als stellvertretende Chefredakteurin des Design- und Architekturmagazins Icon. Sie war Gastdozentin am Royal College of Art, Central Saint Martins sowie Mitarbeiterin am Design Museum London. 2011 gründete sie das internationale Designmagazin Disegno. Seit September 2016 ist sie Kuratorin am Londoner Victoria and Albert Museum. Für On Display porträtiert sie die Designerin Julia Lohmann und stellt einige ihrer Projekte vor.