Joris Laarman: Ich bin kein reiner Designer

Joris Laarman versteht sich nicht nur als Designer. Er ist ein Kreativer, der sich zwischen Wissenschaft, Kunst und Zukunftsutopien bewegt. Im Interview erzählt er, warum er vielleicht bald keine Möbel mehr entwirft.

On Display (OD): Sie nennen Ihr Studio Lab wie Labor. Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus? Führen Sie unabhängige Forschungen durch? Oder werden Sie von Unternehmen beauftragt? Wie fing das alles an?

Joris Laarman (JL): Ich war sehr jung, als ich anfing. Den Heizkörper Heatwave, der in jedem denkbaren Designmagazin gezeigt wurde, entwickelte ich mit 23. Es folgten zahlreiche Anfragen von Firmen. Ich eröffnete mein eigenes Studio und arbeitete für Flos und Vitra. Irgendwann wurde mir klar, dass meine Leidenschaft eher dem Experimentieren gilt, dem Testen neuer Produktionsmethoden und Materialien. Ich wollte lieber Überlegungen zur Zukunft von Design anstellen als Industriedesign entwerfen, das von Maschinen hergestellt wird und wenig Freiraum lässt.

OD: Ihre Designobjekte werden in Ihrem Studio gefertigt. Sie sind also auch Produzent.

JL: Ja, in gewisser Weise unbeabsichtigt. Aber oft basiert das Design unserer Objekte auf einer ganz bestimmten Herstellungsmethode, die in der Industrie normalerweise nicht angewendet wird. Also müssen wir unsere Objekte selbst herstellen.

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Maker Chair (Puzzle), Stuhl, 2014.
Maker Table (Diamond), Tisch, 2014.
Maker Chairs, Stühle, 2014 Alle Möbelstücke der Serie können von einem 3D-Drucker produziert und anschließend wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt werden.
Maker Chairs, Stühle, 2014 Alle Möbelstücke der Serie können von einem 3D-Drucker produziert und anschließend wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt werden.

OD: Sehen Sie sich selbst als Künstler, als Designer, als Ingenieur oder als Unternehmer?

JL: Von jedem etwas. Es ist wahrscheinlich ein Klischee, aber ich bin kein reiner Designer, auch kein reiner Künstler. Ich liege irgendwo dazwischen. Ich bin ein Kreativer, der bei seiner Arbeit Technologien nutzt.

OD: Wie sieht beim Gestalten das Verhältnis zwischen der Vorstellung und der Ausführung aus – die sich ja, wie Sie sagen, nach Technik, Produktionsmethode und Material richtet?

JL: Ich glaube, es fängt mit Ideen zu Technologien an, die man im Internet findet. Im Fall des Bone Chair war es ein Film über den deutschen Professor Claus Mattheck. Auf Grundlage seiner Forschungen entwickelte einer seiner Mitarbeiter eine Technologie zur Optimierung von Autoteilen – sie wurden viel leichter, ohne an Widerstandskraft zu verlieren. Das Video ist ungeheuer beeindruckend. Es beschreibt den Wandel vom Industriezeitalter zum digitalen Zeitalter. Industriemaschinen sind – mit gewissen Einschränkungen – in der Lage, geometrische Formen herzustellen. Die digitale Produktionstechnik gibt uns dagegen die Möglichkeit, Formen zu gestalten, die viel organischer und komplexer sind. Das eröffnet neue Welten für Form und Funktion, für Produktion, Verkauf und Marketing. Alles verändert sich. Als ich das Video über die Optimierung der Autoteile sah, erschloss sich mir der Bereich, an dem ich noch immer arbeite.

OD: Als Sie den Bone Chair entwarfen, war 3D-Druck eine ganz außergewöhnliche Technik. Sie benutzten 3D-Drucker zur Herstellung der Keramik-Gussform für den Stuhl. Die Methode war damals Hightech und nicht, wie heute, Do-it-Yourself. Mittlerweile stehen diese Drucker so gut wie jedem zur Verfügung. Welchen Einfluss hat das auf Design und Herstellung?

JL: Die Drucker haben bereits eine Menge verändert. Nehmen Sie das Maker-Chair-Puzzle. Wir entwickelten das Maker-Chair-Puzzle als Teil der Maker-Chair-Serie. Er wurde ungefähr 10.000 Mal heruntergeladen, war also selbst ohne jedes Marketing ein ziemlich großer Erfolg. Er ist Open Source, man lädt ihn kostenlos herunter und druckt ihn dann selbst mit einem 3D-Drucker aus.

Ich wollte lieber Überlegungen zur Zukunft von Design anstellen als Industriedesign entwerfen.
Joris Laarman

OD: Bei 10.000 Downloads dürfte das wohl Ihr am häufigsten produziertes Design sein.

JL: Auf jeden Fall. Wir überlegen immer noch, wie wir eigentlich damit umgehen wollen. Könnte sein, dass wir in Zukunft 99 Cent oder so dafür verlangen. Zurzeit entwickeln wir die Idee weiter und arbeiten an einer Version für Kinder. Der Stuhl ist kleiner, deshalb ist ein 3D-Druck noch sinnvoller. Diese Art des Druckens steckt immer noch in den Kinderschuhen, es dauert lange, und es werden viele Fehler gemacht. Aber man kann so einen Stuhl mit seinem Kind in zwei Tagen drucken und zusammensetzen. Das bringt ungeheuren Spaß und kostet kaum etwas. Trotzdem: 3D-Drucker in Privatwohnungen kann ich mir nicht vorstellen. Und in Studios bleibt 3D-Druck nach meiner Einschätzung nur ein kleiner Teil der digitalen Produktion.

OD: Aber selbst wenn 3D-Druck keine At-home-Technologie wird, es wird die industrielle Produktion in der Zukunft verändern, oder?

JL: Selbst wenn nur wenige zu Herstellern ihrer eigenen Produkte werden, glaube ich, dass dem 3D-Druck die Zukunft gehört. Es geht nicht nur um die Produktion, das gesamte System ist in Bewegung. Alle Bereiche der Gesellschaft verändern sich, sehr langsam zwar, aber es passiert. Das ist mehr als ein vorübergehender Trend.

OD: Deshalb entwerfen Sie nicht nur Objekte, sondern auch die Technologie, mit der das Objekt produziert wird?

JL: Mir geht es um eine gewisse Distanz zwischen dem kreativen Teil des Gestaltens und dem Produktionsprozess. Mit den bisher von uns entwickelten Technologien wurden Objekte lediglich produziert und verkauft. Das war’s. Aber die Technologie bleibt. Sie kann für andere Projekte genutzt werden. Jetzt haben wir damit begonnen, Unternehmen um neu entwickelte Technologien herumzubauen. Es geht nicht mehr nur um die Herstellung von Objekten, wir wollen uns auch die Technologien zunutze machen.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem technischen Designer und einem konzeptionellen Freigeist.
Joris Laarman

OD: Können Sie uns ein Beispiel geben?

JL: Die MX3D-Brücke ist ein gutes Beispiel. Es begann mit Experimenten mit robotergestützter Produktionstechnik. Wir entwickelten einen Drucker, der mit Thermomaterialien druckte, die sich so schnell verhärteten, dass für unsere geometrischen Gebilde keine Stützkonstruktion mehr nötig war. Aber sie waren trotzdem noch zu weich, das Material war nicht robust genug. Dann entwickelten wir einen Metalldrucker.  Eine ganz simple Idee: ein Schweißgerät auf einem Roboterarm. Damit kann Edelstahl, aber auch Bronze oder Aluminium gedruckt werden. Nach ein paar Experimenten ging das. Als wir merkten, dass wir die einzigen waren, die in dieser Größenordnung arbeiten, druckten wir auf einer Messe in New York im letzten Jahr als erstes Objekt ein Möbelstück – nur um zu demonstrieren, was möglich ist. Danach gründeten wir die Firma MX3D (multiple-axis 3D printing). Wir nahmen Kontakt mit dem Softwarehersteller Autodesk auf und beschlossen den Bau einer Brücke in Amsterdam, weil die Brücke alle funktional herausfordernden Aspekte in sich vereinen würde und die Möglichkeiten dieser Technik veranschaulicht. Das ist der Stand der Dinge.

OD: Die Ästhetik der Brücke erinnert an die bionische Struktur des Bone Chair. Ist das Zufall?

JL: Es ist sinnvoll, beim Bau einer Brücke bionischen Prinzipien zu berücksichtigen. Allerdings werden dazu sehr leistungsstarke Computer benötigt. Der Optimierungsprozess ist komplex. Das Computerprogramm unterteilt die Brücke in die größtmögliche Anzahl von Würfeln – »voxels«, eine Kombination aus »pixels« und »volume« – und alle diese Würfel haben regulierbare Parameter. Obwohl unsere Brücke relativ klein ist, sie überspannt eine Fläche von 8 mal 3 Metern, müssen Millionen Würfel optimiert werden. Dieser Prozess dauert sehr lange, es ist ein aufwendiges Verfahren. Seit dem Bone Chair sind Computer und Software viel leistungsstärker geworden, eine wesentliche Voraussetzung für den Entwurf der Brücke. Sie muss in der Lage sein, jeder Belastung standzuhalten und großes Gewicht zu tragen. Zusätzlich sind Belastungen von der Seite zu berücksichtigen, etwa durch den Aufprall bei unbeabsichtigten Kollisionen mit Booten. Man kann eine Menge solcher Parameter eingeben, das Programm kalkuliert die Beschränkungen. Das ist interessant, weil dabei unerwartete Resultate herauskommen, mit denen man weiterarbeiten kann.

OD: Wann wird die Brücke fertiggestellt sein? Und wer ist involviert?

JL: Wir haben die Konstruktion der Brücke für Herbst 2017 geplant. Zurzeit werden die Räumlichkeiten für das Unternehmen gebaut. Autodesk und eine große holländische Baufirma sind unsere Hauptsponsoren, dazu kommen ein paar kleinere Sponsoren wie etwa Lenovo. Die Stadt beteiligt sich auch an den Kosten der Brücke. Sehr viele Leute sind involviert.

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MX3D, 2015 Bridge created with the MX3D metal printer.

OD: Die Abläufe in Ihrem Studio sind komplex. Ästhetik trifft auf Technologie und Unternehmergeist. Was muss ein Designer heutzutage wissen?

JL: Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem technischen Designer und einem konzeptionellen Freigeist. An der Designakademie habe ich gelernt, meine eigenen Vorstellungen zu entwickeln und mit meiner Freiheit umzugehen. Inzwischen bin ich ein Typ, der alles miteinander verbindet und versteht, wie es funktioniert. Das versetzt mich in die Lage, den Menschen, mit denen ich arbeite, kreativen Input zu geben. Für mich selbst läuft das sehr gut.

OD: Sie sagten, dass Sie 23 waren, als Sie Ihr Studio eröffneten. Was schwebt Ihnen für die nächsten zehn Jahre vor?

JL: Ich befasse mich so intensiv mit der Zukunft, dass ich eins gelernt habe: Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Unter anderem schwebt mir vor, mich mehr mit konzeptionellen non-products zu befassen. Ich weiss nicht, wohin mich das führt, aber ich kann mir vorstellen, dass es weit über Möbel hinausgeht.

Joris Laarman, geboren 1979, studierte an der renommierten Design Academy Eindhoven. Sein eigenes Studio, das er nach dem Studium gründete, nennt sich Joris Laarman Lab. Dort operiert er mit seinem Team aus Designern, Ingenieuren und Wissenschaftlern. Sie arbeiten mit 3D-Druckern, experimentieren mit ungewöhnlichen Materialkombinationen und programmierbaren Industrierobotern. Laarman gilt als einer der vielversprechendsten Designer seiner Generation.

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