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Jasper Morrison

Jasper Morrison ist für einfaches Design bekannt, das er gern als „supernormal“ bezeichnet. Dabei hat er in jungen Jahren auch anders gestaltet, erklärt Tobias Hoffmann, Direktor des Bröhan-Museums in Berlin.

Jasper Morrisons Entwürfe markieren einen fundamentalen Wendepunkt im Design. Bis weit in die 1980er-Jahre hinein war das Design eng an die industrielle Produktion gekoppelt; ein fast schon steril gewordener Funktionalismus prägte vor allem die deutsche Gestaltung. Jasper Morrison, einer der wichtigsten Vertreter einer Generation von Designern, die die Rolle des Entwerfers neu definierte, wurde dabei gleich zweimal zu einem wichtigen Impulsgeber für das deutsche Design.

Angelockt von West-Berlins Ruf als schrille Subkultur-Metropole, kam Jasper Morrison 1984 als Gaststudent an die Hochschule der Künste Berlin (HdK). Er hatte kurz zuvor in seiner Geburtsstadt London den Handlebar Table entworfen, ein Readymade aus einem Holzblock, zwei Fahrradlenkern und einer Glasplatte. Diesen kleinen Beistelltisch konnte Morrison problemlos selbst zusammenbauen, er verfolgte damit die Idee einer Möbelproduktion jenseits der industriellen Fertigung.

Von Morrison entworfene Prototypen und Produkte
© Kevin Davies

An der HdK lernte er den deutschen Architekten und Designer Andreas Brandolini kennen. Gemeinsam konzipierten sie das studentische Projekt Kaufhaus des Ostens, das als Ausstellung in Berlin, Hamburg und München gezeigt wurde, und für das Morrison zwei Leuchten entwarf. Morrisons Idee des Handlebar Table, aus Halbzeugen neue Objekte zu entwerfen, sie selbst zu bauen und sogar selbst zu vermarkten, beflügelte eine junge Generation von Designern in Deutschland. Sie streiften die Zwänge des vom Bauhaus und der Hochschule für Gestaltung in Ulm begründeten Funktionalismus ab und wagten einen Neustart im Design. Natürlich auch beeinflusst durch die italienischen Designergruppen Memphis und Alchimia, tobte sich das Neue Deutsche Design in den 1980er-Jahren in besonders fantasievollen, bunten und bisweilen schrillen Entwürfen aus.

Morrisons Entwürfe markieren einen fundamentalen Wendepunkt im Design.

Und noch ein zweites Mal kam Morrison nach Berlin. 1988 war er für ein halbes Jahr Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) – und wieder brachte er Ideen mit, die die Designentwicklung nachhaltig beeinflussten. Für die DAAD-Galerie konzipierte er die Ausstellung Some New Items for the Home. Gerade für das deutsche Design muss sie wie ein Donnerhall gewesen sein. Alles Schrille, Laute, Erzählerisch-Metaphorische und auch Bunte war in dieser Rauminstallation verschwunden. Formen, Farben und die Titel der Entwürfe wurden runtergefahren – es waren eben nur noch some items.

Skizzen aus dem Archiv von Morrison für Some New Items for the Home
© Kevin Davies

Morrison bezeichnete die Installation als Antwort auf die Memphis-Bewegung, der er vorwarf – aber das galt natürlich umso mehr für das Neue Deutsche Design –, jegliche funktionalen Aspekte des täglichen Lebens vergessen zu haben. Seine Entwürfe sollten nun »100% practical, atmospheric as a result of function and full of real life« sein. Mit Axel Kufus und Andreas Brandolini fand er in Deutschland zwei Gleichgesinnte, die mit ihm von 1989 bis 1993 das Projektbüro Utilism International betrieben. Gemeinsam entwickelten sie einen neuen Funktionalismus, der zwar nicht die Formensprache, aber durchaus Konzepte des Designs der 1980er-Jahre für die neuen Entwürfe nutzbar machte.

Form um der Form willen schließt Morrison kategorisch aus.

Der Plywood Chair aus Some New Items for the Home ist gerade wegen seiner minimalistischen Form eine Ikone des Designs der Neuen Einfachheit der 1990er-Jahre geworden. Und doch wird oft behauptet, dass die Form in den Entwürfen von Jasper Morrison eine untergeordnete Rolle spielt. Form um der Form willen, als effekthascherische Spielerei, wie es bei Memphis und auch beim Neuen Deutschen Design teilweise der Fall gewesen war, schließt Morrison kategorisch aus. Form ist bei ihm die logische Folge aus der Funktion. Allerdings leitet er seine Formen nun anders ab, als es noch die Anbeter des Satzes »form follows function« vor den 1980er-Jahren getan hatten. Der neue Funktionalismus geht von einer anderen Definition von Funktion aus, die die historischen Bezüge der Objekte berücksichtigt und vor allem die Produktions- und Materialgerechtigkeit bei der Formfindung in den Vordergrund stellt. Jedes Objekt basiert auf einer individuellen Entwicklungsgeschichte, die auch und gerade auf einer Analyse der langen Formgeschichte eines Gegenstandes beruht. Die Form ist die logische Konsequenz aus dem Analyseprozess.

Die Formen der Speisen und des Mundes bedingen die Form des Bestecks.

Das lässt sich sehr schön an dem Besteck zeigen, das Jasper Morrison für Muji entworfen hat, vor allem im Vergleich zur Besteck-Ikone des Funktionalismus, Peter Raackes mono-a. Raackes Besteck ist vom unbedingten Willen getrieben, so minimalistisch wie möglich zu sein. Schönheit und auch Eleganz bezieht es aus einer geometrischen Geradlinigkeit, die sich jedoch wenig um den tatsächlichen und alltäglichen Gebrauch kümmert. In der Gleichsetzung von Funktionalismus und Minimalismus bekommt mono-a etwas Manieriertes. Der Formwille steht einer Analyse der Funktion entgegen.

Studio von Jasper Morrison
© Nicola Tree

Jasper Morrison dachte intensiv über den Akt des Essens nach. Die Formen seines Bestecks sind fließend, es ist wie aus einem Guss. Sanft gestaltet er die Übergänge von den Griffen zu Klingen und Zacken. Die Weichheit der Formen korrespondiert gut mit der Weichheit von Lippen und Mundhöhle. Selbst den Zinken der Gabel fehlt, obwohl sie relativ lang sind, das Aggressive und Spitze. Und auch das Messer, das ja in seiner grundsätzlichen Funktion immer auch Waffe sein kann, kommt ohne einen gefährlichen Zug aus. Bei der Klinge verzichtet er auf eine Spitze, die Schneidefläche ist ein geschwungener Bogen – dieses Messer ist nur zum Schneiden und nicht zum Stechen da. Essen – so scheint es Morrison zu interpretieren – ist der letzte Schritt der Bearbeitung von weichem, organisch geformtem Material, das durch das Besteck in den weichen, organisch geformten Mund gebracht wird. Die Formen der Speisen und des Mundes bedingen also konsequenterweise die Form des Bestecks.

In Jasper Morrisons Studio: ein Regal von Dieter Rams
© Kevin Davies

Morrison strebt nicht nach Minimalismus. Doch da seine Analysen der Funktion zur einfachsten funktionierenden Form führen, werden seine Entwürfe wie von selbst minimalistisch – sie wollen nichts mehr sein als optimal funktionierende Gegenstände. Wie sein Besteck zeigt, gestaltet Morrison sorgfältig und beharrlich das Alltägliche neu, gibt ihm eine logisch begründete und deshalb funktionale Form, die er selbst »supernormal« nennt. Die Zusammenarbeit mit der japanischen Kaufhauskette Muji ist für Morrison nur konsequent. Er hat seit Jahren nicht nur in London, sondern auch in Japan ein Büro; sicherlich ist die traditionell reduzierte Ästhetik der japanischen Gestaltung für ihn eine Inspirationsquelle. Das Designverständnis von Morrison und die Firmenphilosophie von Muji sind wahrlich Brüder im Geiste. Mujirushi Ryōhin – kurz Muji – bedeutet übersetzt so viel wie »keine Marke, gute Produkte«. Unter Leitung des japanischen Designers Naoto Fukasawa werden die Objekte für Muji gezielt ausgewählt. Sie sollen günstig zu produzieren sein, einem ökologischem Ansatz folgen, gestalterisch selbstverständlich wirken, eine Notwendigkeit erfüllen und alles Überflüssige weglassen. Dabei verfolgt Muji eine No-Brand-Strategie. Obwohl man seit 2003 auch mit internationalen Designern zusammenarbeitet, bekommen die Objekte weder ein Markenzeichen der Designer noch ein Firmenlogo verpasst. Man kauft kein Designerstück, sondern ein Objekt von Muji, das grundsätzlich für gute Gestaltung steht. Morrisons Konzept des »Supernormalen« ist bei Muji zur Firmenphilosophie geworden.

Jasper Morrison wurde 1959 in Großbritannien geboren. Er studierte in London an der Kingston Polytechnic Design School und am Royal College of Art sowie in Berlin an der Hochschule der Künste. Sein erstes Studio eröffnete er 1986 in London, inzwischen hat er auch Büros in Paris und Tokio. Morrison arbeitete unter anderem für Alessi, Cappellini, Muji, Rosenthal, Rowenta und Vitra. In seiner Londoner Niederlassung hat er einen Designshop für ausgesuchte Alltagsprodukte eröffnet. Morrison gilt als Vertreter der Neuen Einfachheit im Design.
Tobias Hoffmann ist Direktor des Bröhan-Museums, dem Berliner Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus. Zuvor leitete er das Ingolstädter Museum für Konkrete Kunst. Der 1970 geborene Hoffmann bewegt sich als Kunsthistoriker im Spannungsfeld von Design und Kunst, Vergangenheit und Gegenwart. In der von ihm kuratierten Ausstellung Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre zeigte er 2014/2015 auch Objekte des britischen Designers Jasper Morrison.