Wie gestaltet man E-Demokratie?

»Design ist unsichtbar«, schrieb der Designtheoretiker Lucius Burckhardt vor fast vierzig Jahren. Denn Designer gestalten nicht nur Gegenstände, Grafiken, Benutzeroberflächen oder Räume, sondern auch komplexe Systeme, die sinnlich nicht unmittelbar in Erscheinung treten. Die Demokratie ist ein solches System – sie ist nicht naturgegeben, sie ist ein gestalteter Prozess.

Bislang verbinden wir die Gestaltung der Demokratie nicht mit der Tätigkeit von Designern. Denn die Gestaltung der Demokratie liegt in den Händen der Politik, der Medien und der Zivilgesellschaft. Doch mit der Entstehung »sozialer Medien« – Stichwort »Web 2.0« – hat sich vieles verändert. Die neuen Kommunikationstechnologien bringen andere Formen von Meinungsbildung, Diskussion und Aushandlung hervor. Die entsprechenden Anwendungen, Programme, Benutzeroberflächen sind Ergebnis von Gestaltungsprozessen, an denen professionelle Designer ganz wesentlich beteiligt sind. So spielen Designer mittlerweile eine bedeutende Rolle in der Gestaltung unserer Demokratie.

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Dass das Design von »sozialen Medien« eine Auswirkung auf Demokratie hat, ist keine ganz neue Vorstellung. Schon seit der Entstehung des Internets hoffen viele Menschen, die Digitalisierung könne innovative Formen demokratischer Teilhabe ermöglichen. Bislang wurden diese Träume von gravierenden Sicherheitsmängeln zunichte gemacht. Schließlich ist es wichtig, dass Wahlen anonym durchgeführt und unsere Stimme oder Meinungsäußerung nicht ge- oder verfälscht werden können. Nun gibt es eine Technologie, die sichere Kommunikation im Internet möglich macht: Blockchain.

Blockchains bieten ein hohes Maß an Sicherheit, weil sie die Information in kleine Blöcke (block) schnüren. Sie werden nicht auf einem einzigen Server hinterlegt, sondern an verschiedenen Orten. Diese einzelnen Blöcke sind durch eine Informationskette (chain) verbunden, die sich durch den digitalen Raum schlängelt. Ein Hackerangriff auf die in der Blockchain gespeicherten Daten ist zwecklos. Manipuliert man die auf einem Server gespeicherte Information, existiert die ursprüngliche Version der Information noch immer an allen anderen Orten in der Kette.

Die innovative Technologie ermöglicht sichere Datenübermittlung und -speicherung im Internet. So wird es vorstellbar, bei einer geheimen Wahl seine Stimme über das Internet abzugeben. Gleichzeitig fordert die dezentrale Struktur dieser Technologie dazu heraus, über neue Formen und Möglichkeiten von Demokratie nachzudenken. Denn viele demokratische Prozesse werden von zentralen Akteuren gesteuert: dem Staat, den Parteien oder anderen Organisationen. Mit der Technologie der Blockchains stellt sich die Frage, ob Interaktion zwischen den Bürgern nicht auch ohne die Steuerung durch einen zentralen Akteur möglich ist? Wie sehen Prozesse aus, in denen die Bürger politische, ökonomische und kulturelle Problemstellungen direkt untereinander aushandeln? 

Schon seit der Entstehung des Internets hoffen viele Menschen, die Digitalisierung könne innovative Formen demokratischer Teilhabe ermöglichen

Hier kommen nun wieder die Designer ins Spiel. Denn dass es eine neue Technologie gibt, heißt noch lange nicht, dass dafür auch sinnvolle Nutzungen entwickelt wurden. Genau das ist eine der Aufgaben von Designern. Derzeit entstehen deshalb viele auf Blockchaintechnologie basierende Anwendungen, etwa Banking-Apps im Finanzsektor oder Software, die geistiges Eigentum sichern soll.

Die fünf im Design Display vorgestellten Projekte zeigen, welche Verbesserungen und Erweiterungen der bestehenden Formen von Demokratie dank der Blockchaintechnologie heute möglich oder zumindest schon vorstellbar sind. Sie stammen von verschiedenen Akteuren und denken in ganz unterschiedliche Richtungen. Manche lagern bereits existierende demokratische Prozesse ins Internet aus, andere sind von ökonomischen Erwägungen getrieben oder haben einen utopischen Charakter und wollen mehr Basisdemokratie ermöglichen. Andere Projekte versuchen, staatliches Verwaltungshandeln transparent und unkompliziert zu machen. Sie alle verdeutlichen, dass es ergänzende – und alternative – Konzepte zu den gegenwärtigen demokratischen Prozessen gibt. Welche davon Wirklichkeit werden, hängt aber nicht von den Technologien und den von Designern entwickelten Anwendungen ab, sondern von der Gesellschaft, von uns allen also. 

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«