Design in den Alltag bringen

Die Kuratoren der ersten beiden Design Display Ausstellungen gehen der Frage nach, warum Design heute nichts Elitäres ist, was es mit Aufklärung zu tun hat und weshalb Design jeden etwas angeht.

Friedrich von Borries (FB): Die Autostadt hat in den letzten Jahren mit einigen Projekten Aufsehen erregt, die zunächst wenig mit Automobilität zu tun haben: Das gilt etwa für die Ausstellung Level Green über Nachhaltigkeit oder für das Ernährungsprogramm, das neben vitaler auch biologisch-vegane und vegetarische Ernährung behandelt. Nun geht es an den Designausstellungsbereich. Dort wurde bislang gezeigt, wie das Design eines Autos entsteht. Jetzt wird in einer großen Vitrine ein erweiterter Designbegriff thematisiert, der auch soziale und politische Fragestellungen aufwirft und den Menschen mit seinen umfassenden individuellen Gestaltungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt rückt. Was ist Ihre Erwartung an die neue Designausstellung?

Maria Schneider (MS): Wenn es uns gelingt, genauso nah an die Menschen heranzukommen wie mit dem Ernährungsprojekt, dann hätten wir viel erreicht. Wir hätten bei jedem Einzelnen ein Bewusstsein für die eigene Gestaltungskraft geschaffen. Das klingt natürlich romantisch. So lässt sich aber ein kritisches Potenzial mobilisieren, das in jedem steckt: darüber nachzudenken, was man im Alltag selbstverständlich hinnimmt, von der Formgebung zu Hause oder im öffentlichen Raum bis hin zu alltäglichen Prozessen und Strukturen wie Zug- oder Busfahrplänen. All das ist gestaltet: Es kann so oder auch ganz anders sein. Dieses Nachdenken mündet in einer Art Selbstermächtigung. Dadurch werden die Menschen aufmerksamer, kritischer und unbequemer. Mir ist bewusst, dass das üblicherweise nicht der Wunsch von Unternehmen oder Regierungen ist.

FB: Und warum macht die Autostadt das dann?

MS: In der Autostadt arbeiten wir schon seit 17 Jahren mit einem im besten Sinne aufklärerischem Ansatz, und das Unternehmen macht das nicht nur mit, sondern hält das, bestätigt durch den Zuspruch der Gäste und Kunden, auch für richtig. Wir haben die Menschen zum Nachdenken angeregt und kritischer gemacht. Wenn wir das nach drei Jahren auch im Designbereich sehen oder spüren können, dann ist das ein Erfolg. Unsere Gäste sind selbstbewusst und anspruchsvoll, sie merken, wenn wir Fehler machen. Gerade deshalb mag ich unsere Gäste.

Ich glaube, man kann mit Design die Welt verändern.
Friedrich von Borries

FB: Wird es die Besucherinnen und Besucher nicht irritieren, wenn das Thema Automobildesign zunächst nicht thematisiert wird?

MS: Wir verstehen unsere Pavillons und auch andere Ausstellungsbereiche in der Autostadt als Labore, in denen wir mit Designern aus dem Unternehmen zusammenarbeiten. Nun beginnen wir mit einer Setzung, die den Anspruch an einen umfassenden Designbegriff verdeutlicht. Und dann werden die Designer, die in diesem Unternehmen arbeiten, in den Markenpavillons an ihren Produkten zeigen, wie sie Design verstehen.  Bei unseren Ausstellungen zum erweiterten Designbegriff wird es sicherlich auch um Autodesign und um Mobilität gehen. Alle Designer werden sofort merken, dass unsere Ausstellung ein offener Dialog mit den Menschen – Kunden, Besuchern, Neugierigen – ist. Und das Unternehmen weiß, dass es ohne den Dialog in Zukunft nicht leben kann. 

 

FB: Ein anderes wichtiges Designprojekt der Autostadt ist das Hotel, ein unheimlich schickes Hotel. Es passt eigentlich nicht zur Zielgruppe von Volkswagen. 

MS: Ja, das ist ein Fünfsternehotel. Die Entstehung fiel in eine Zeit, in der für dieses Unternehmen etwas unglaublich wichtiges passierte: eine sogenannte Luxusstrategie wurde entwickelt. In dieser Phase entstand der Phaeton. Dieses Modell wurde nicht um seiner selbst willen entworfen, sondern um diese Spitzentechnologie zu demokratisieren. Alles, was für den Phaeton entwickelt wurde, findet sich mittlerweile auch im Polo. Die Idee war, etwas im Spitzensegment zu schaffen und dann für alle verfügbar zu machen. Das macht Volkswagen für mich so sympathisch. Ähnliches gilt für das Hotel. Deshalb haben wir mit Andrée Putman eine Designerin ausgewählt, die mit ihrer Gestaltung Barrieren abbaut. 
Wenn man etwas ändern will, muss man die bestehenden ökonomischen Strukturen verstehen und in sie hineingehen.
Maria Schneider

FB: Sie haben für das Designausstellungsprojekt ein ungewöhnliches Team zusammengestellt – mit dem Designer Konstantin Grcic, dem Architekten Jesko Fezer, dem Grafiker Nicolas Bourquin und mir. Nun bin ich ja dafür bekannt, dem Auto aus ökologischen Gründen kritisch gegenüberzustehen, von den Auswüchsen des globalen Kapitalismus ganz zu schweigen. War es Ihre strategische Absicht, jemanden mit dieser Perspektive hinzuzuziehen? 

MS: Wir wollten jemanden, der unabhängig im Geist ist, und wir hatten das Gefühl, dass das für Sie gilt. Den Automobilthemen kann und sollte man, davon bin ich überzeugt, Kritisches entgegenhalten. Volkswagen hat viele Fragen an die Zukunft des Autos, und ich weiß, dass das an zahlreichen Stellen des Konzerns klarer und differenzierter beantwortet wird, als es in der Öffentlichkeit vielleicht erscheint. Die Mitarbeiter, die im Hintergrund forschen und entwickeln, sind auf dem neuesten Stand. Ein Konzern wie Volkswagen ist ein Riesengebilde, das natürlich in die Zukunft denken muss. Deshalb ist es für ein solches Unternehmen wichtig, wenn es diese Fragen zulässt und sogar forciert. Aber warum haben Sie sich trotz Ihrer kritischen Haltung auf dieses Projekt eingelassen? 

Wir holen das Design und die Formgebung aus dem Elitären heraus und bringen sie in den Alltag.
Maria Schneider

FB: Mich interessieren Fragen der Wirksamkeit. Ich glaube, man kann mit Design die Welt verändern. Wenn man etwas ändern will, muss man die bestehenden ökonomischen Strukturen verstehen und in sie hineingehen. Es ist deshalb nur folgerichtig, auch mit der »Industrie« und deren Kommunikation zusammenzuarbeiten. Was wäre die Alternative? Ich könnte einen Arbeitskreis »Kritische Designtheorie« gründen. Doch wen erreiche ich damit? Durch das Projekt in der Autostadt kann ich mit den Themen, die ich für wichtig halte, Millionen ansprechen.

MS: 30 Millionen Besucher hatten wir bisher. Sie müssen die Strukturen, die Sie verändern wollen, nicht nur verstehen, nicht nur in sie hineingehen, sondern auch ein Stück weit mitgehen – in jedem Fall müssen Sie sich auf die Besucherinnen und Besucher zubewegen.

FB: Deshalb bin ich hier. Hatten Sie denn, als Sie in der Autostadt begonnen haben, den Anspruch, im Unternehmen Volkswagen etwas zu verändern? 

MS: Nein, diesen Wunsch hatte ich nie. Jeder Prozess ändert sich, wenn neue Menschen hinzukommen. Das, was wir in der Autostadt tun, wirkt auch in das Unternehmen hinein. Aber mir geht es nicht darum, unbedingt etwas verändern zu wollen. Ich thematisiere einfach das, wovon ich denke, dass es jetzt gemacht werden muss. Mich freut es, wenn das Unternehmen das aufnimmt.

FB: Der Kontext, in dem man tätig ist, wirkt jedoch auf einen selbst zurück.

MS: Also meine Erfahrung ist, dass das an der Peripherie bleibt. Es geht nicht tief, berührt nur die Erscheinungsform. Wenn sich allerdings das Umfeld ändert, verschwinden die Erscheinungsformen ebenfalls.

FB: Ich habe den Eindruck, dass man, auch im Sinne eines bewussten Selbstdesigns, gegensteuern muss, damit man sich nicht selbst korrumpiert, sondern die eigene Haltung weiter Lebensform bleibt.

MS: Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie sich dadurch einengen? 

FB: Ich hoffe nicht. Am Ende bewegt man sich, wenn man sich für Design begeistert, immer in einem merkwürdigen Spannungsfeld. Design behandelt nun mal auch das Materielle. Es hat also zwei Dimensionen: eine ökonomische und eine sinnliche. Mich interessieren beide. Im Moment sitze ich auf einem Stuhl. Spüre ich den Stuhl, auf dem ich sitze? Spüre ich den Ort, an dem ich mich aufhalte? Und wo verorte ich mich mit dem, was ich spüre? Das alles sind körperliche Erfahrungen. Sie sind durch das Design der Dinge und Räume bestimmt. Im Design geht es also um den sinnlichen Bezug zu der Welt, in der wir leben. Jeder muss sich selbst fragen, wie er diese Welt mitgestaltet und welchen Einfluss er auf sie nimmt. Das gilt natürlich auch für uns und unser Ausstellungsprojekt. 

MS: Wir holen das Design und die Formgebung aus dem Elitären heraus und bringen sie in den Alltag. Das ist wichtig und nützlich zugleich. Wir machen den Menschen klar, wie wichtig Design für ihr Handeln ist, weil sie damit entscheiden, was Gestalt annimmt in der Welt. Darin steckt ein Stück Ermächtigung für jeden Einzelnen – das verändert die Welt. Dieser Ansatz geht auf Ideale der Aufklärung zurück. Darin steckt etwas, was man systemkritisch nennen kann, vor allem aber dem Menschen zugutekommt.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. "Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern."
Maria Schneider studierte Kommunikationsdesign, Germanistik und bildende Kunst. Sie wurde promoviert mit einer wissenschaftstheoretischen Sprachuntersuchung. Nach einer Managementausbildung arbeitete sie in der kulturellen Öffentlichkeitsarbeit. Von 1998 bis 2016 entwickelt sie als Gründungsmitglied des Inszenierungsteams die Autostadt. Sie war Kreativdirektorin der Autostadt und Führungskraft bei Volkswagen.