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Fernando Romero: Ein Grenzgänger

Fernando Romero gestaltet maßgeblich Mexikos Zukunft. Der Kurator Moritz Küng porträtiert den mexikanischen Architekten und erklärt, wie sich Romero der kontrastreichen Realität seines Landes stellt, sich in der Wissenschaft und der Kultur einbringt und soziale Projekte initiiert.

Fernando Romero, geboren 1971 in Mexiko-Stadt, ist als Architekt in vielerlei Hinsicht ein Grenzgänger: zwischen geopolitischen und sozialen Welten, zwischen unterschiedlichen Städten und abstrakten Denkräumen. Nach seinem Studium zog er nach Europa. Dort arbeitete er zunächst bei dem Architekten Enric Miralles in Barcelona und bei Jean Nouvel in Paris. Von 1997 bis 2000 war er für Rem Koolhaas in Rotterdam tätig und betreute die Planung der Casa da Música in Porto. Zurück in seiner Heimatstadt heiratete er Soumaya Slim, die Tochter des mexikanischen Unternehmers Carlos Slim Helú. Zusammen mit Mark Seligson und Tatiana Bilbao gründete er das auf Stadtforschung spezialisierte Büro Laboratorio de la Ciudad de Mexico (LCM/ Laboratorium von Mexiko-Stadt). Für die Aktivitäten im architektonischen Bereich kommt später das Laboratorio de Arquitectura (LAR/Laboratorium für Architektur) hinzu. Eine weitere von ihm gegründete Firma ist ModuLAR. Sie vermittelt Menschen, die sich selbst ein Haus bauen wollen, die notwendige Do-it-yourself-Designkompetenz. Heute firmieren alle Aktivitäten von Fernando Romero unter dem Namen FR-EE, der sowohl Programm ist als auch das Akronym für Fernando Romero EnterprisE.

© Ana Hop

Bereits seine ersten Bauten zeigen ein unglaublich breites Spektrum von Typologien und genuinen Lösungen. Immer sucht Romero ein Gleichgewicht zwischen formalem Experiment, historischem Bewusstsein und pragmatischer Baupraxis. Beispielhaft für diese Haltung sind Cuarto para Niños (Kinderraum), die Erweiterung einer modernistischen Villa aus den 1950er-Jahren um ein Haus für seine Kinder, oder die gläserne Zentrale für die Banco Inbursa in Mexiko-Stadt sowie der Wettbewerbsentwurf Puente entre dos Países an der Grenze zwischen Mexiko und Amerika.

© Ana Hop

In nur wenigen Jahren mutierte Romeros lokales »Laboratorium« zu einem global operierenden Großbüro, das heute über 150 Angestellte zählt und einen Zweitsitz in New York hat. Dementsprechend schnell wuchsen auch die Volumina der Projekte: In Mexiko baute er das 16.000 Quadratmeter große Soumaya Museum, ein 58.000 Quadratmeter großes G20-Kongresszentrum und plant – gemeinsam mit Norman Foster – auf 55 Hektar den neuen Flughafen für Mexiko-Stadt. Es ist das größte Infrastrukturprojekt des Landes und soll der nachhaltigste Flughafen der Welt werden. Das umfassendste Projekt aber ist die 290.000.000 Quadratmeter große Stadtvision Border City, die Ende 2016 auf der London Design Biennale vorgestellt wurde. Tatsächlich ist dieser S-M-L-XL-Sprung mehr als beachtlich. Der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist bezeichnete diese Entwicklung einmal als »Mexican milagro«, als mexikanisches Wunder. Gerade im Rückblick zeigt sich, wie innovativ seine frühen Arbeiten waren.

© Ana Hop

So leitet sich etwa das räumliche Kontinuum des vielbeachteten Museo Soumaya (2010) direkt vom frühen experimentellen Projekt Cuarto para Niños (2001) ab. Das frei von Stützen und rechten Winkeln konzipierte muschelartige Volumen dockt als abstraktes Gebilde an die Rückfassade einer bestehenden Villa an. Mit Zugang vom ersten Stock erschließt der weiß gestrichene, kokonartige Raum über eine geschwungene Rampe den Garten. Die mit Laser geschnittene Stahlstruktur wurde mit einer homogenen Außenhaut aus Polyurethanschaum isoliert und mit einer rosarot eingefärbten Schicht aus Polymer behandelt. Das Resultat basiert auf einer Mischung aus importierter Highend-Technologie für die Konstruktion und lokaler Lowtech-Lösung für die manuell verarbeiteten Oberflächen. Es gilt noch heute als herausragendes Beispiel für zeitgenössische Architektur in Mexiko.

© Ana Hop

Gerade in Anbetracht der Äußerungen des neuen US-Präsidenten zum Bau einer Grenzmauer muten manche frühen Arbeiten von Romero visionär an. Denn die »DNA« von Romeros binationaler Stadtvision Border City findet sich bereits in seinem 2001 entstandenen Wettbewerbsprojekt Puente entre dos Países (Brücke zwischen zwei Ländern), das die Grenzstädte El Paso in Texas (USA) und Ciudad Juárez in Chihuahua (Mexiko) kulturstrategisch verbinden sollte. Das als monumentale, überdachte Brücke über dem Rio Grande konzipierte Museumsgebäude sollte Ausstellungsraum, Forschungsstätte und offizieller Grenzübergang zugleich sein. Er dachte es deshalb nicht wie ein klassisches Museum als Rundgang, sondern als einen linearen Durchgang.

Das Nadelöhr des Grenzüberganges wird somit kultur- und geopolitisch aufgehoben

Diesen Entwurf kann man als Prototyp für die Border City verstehen. Er definiert die linear verlaufende Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko als Idealstadt, in der Kulturen und Lebensbereiche nicht voneinander getrennt, sondern durchmischt werden. Das Nadelöhr des Grenzüberganges wird somit kultur- und geopolitisch aufgehoben.


© Ana Hop

Als junges und privilegiertes Mitglied der mexikanischen Oberschicht verschließt Fernando Romero seine Augen nicht vor den kontrastreichen Realitäten in seinem Land. Neben seiner Tätigkeit als Architekt engagiert er sich auch in der Forschung, der Kultur und in sozialen Projekten. So publizierte er unter anderem das Buch Hyperborder – The Contemporary U.S.-Mexico Border and its Future, das erstmals ein nuanciertes Porträt dieser dynamischen und konfliktreichen Grenzregion vermittelte. 2012 gründete er zusammen mit seiner Frau Soumaya Slim de Romero das Archivo diseño y arquitectura, eine Sammlung von zeitgenössischem Industriedesign mit Ausstellungsprogramm und einer öffentlichen Architekturbibliothek. Zeitgleich initiierte er Mikro-Bauprojekte wie Sube (hinaufbefördern) oder ein Jahr später Casa para Libia (Haus für Libia, für eine alleinerziehende Mutter), die die Lebensumstände der Armen und Mittellosen verbessern sollen.

Fernando Romero nutzt Einfluss, Geld und Macht, um sich als Grenzgänger durchaus risikovoll zwischen parallelen Welten, Ästhetiken, Klassen und Maßstäben zu bewegen.

 
Fernando Romero wurde 1971 in Mexiko-Stadt geboren. Der Architekt entwarf 2014 gemeinsam mit Norman Foster den neuen Flughafen für Mexiko-Stadt, der bis 2020 fertig sein soll. Bereits 2002 hatte ihn das Weltwirtschaftsforum als Global Leader of Tomorrow geehrt. Sein Unternehmen FR-EE ist in den Bereichen Urban Design, Architektur und Industriedesign tätig. Kulturelle Projekte setzt er mit seinen Büros in Mexiko-Stadt und New York um. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Romero mit der Grenze zwischen den USA und Mexiko.
Der Schweizer Kurator und Autor Moritz Küng arbeitet von Barcelona aus an der Schnittstelle zwischen Kunst, Architektur und Buch. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen, unter anderem für die Biennalen in Sao Paulo (2002), Venedig (2008), Brno (2014) und Kortrijk (2016). Fernando Romero widmete er 2005 eine erste Übersichtsausstellung am deSingel in Antwerpen.