Institut für Meeresalgen

Viele Designer stehen heute vor einem Problem. Sie haben Lust, neue Dinge zu erschaffen, schließlich sind sie Designer. Aber eigentlich ist schon alles gestaltet. Eine Konsequenz dieser widersprüchlichen Situation ist, die eigene Kreativität nicht in die Verfeinerung von Konsumprodukten zu stecken, sondern Grundlagenforschung zu betreiben.

Eine besonders experimentierfreudige Designforscherin ist Julia Lohmann. Ihr Arbeitsschwerpunkt sind Naturmaterialen. In Japan entdeckte sie auf einem Fischmarkt ein Material, das vielversprechende Eigenschaften aufweist: Seetang. Er kann ökologisch nachhaltig angebaut werden, wächst mehrere Meter pro Jahr und reinigt auch noch seine Umgebung von Umweltbelastungen. Seine Anbaufläche ist die größte, die der Erdball zu bieten hat: das Meer.

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Seit über zehn Jahren experimentiert Julia Lohmann mit Seetang. Sie ist keine Theoretikerin, sondern Praktikerin, die viel mit ihren Händen und Sinnen arbeitet. Sie sitzt nicht in einem Büro am Computer, ihr Arbeitsraum ist eine Mischung aus Atelier, Labor und Wunderkammer. Seetang hat eine ganz eigentümliche ästhetische Anmutung: Es changiert zwischen verschiedenen Grünund Brauntönen und ist lichtdurchlässig. Julia Lohmann bezieht Seetang meist in getrockneter Form aus Japan.

Die Designobjekte sind für Julia Lohmann vor allem ein Kommunikationsmittel, mit dem sie für das Material Seetang begeistern will.

Zunächst weicht sie die bis zu zwei Meter langen und einen halben Meter breiten Tangblätter in Wasser und einer speziellen Lösung ein, die das Material flexibel hält. Danach beginnt die Verarbeitung: Der Tang wird getrocknet, gepresst, gebügelt und vernäht, mit Laser zerschnitten, als Furnier oder als Bespannungsmaterial benutzt. Außerdem kombiniert sie den Tang mit anderen Materialien – zum Beispiel mit Holz, Stahl, Bambus und Textilien wie Filz oder Wolle. Die so entstehenden Designobjekte sind für Julia Lohmann vor allem ein Kommunikationsmittel, mit dem sie für das Material Seetang sensibilisieren und begeistern will. Zu diesem Zweck gründete sie das Department of Seaweed, eine mobile Forschungsstation, die in Hochschulen und Ausstellungsräumen gastiert.

Das Department of Seaweed entwickelt keine konkreten Lösungsvorschläge, es eröffnet Gedankenräume und vermittelt als Ort der spekulativen Designforschung ökologisch und sozial nachhaltige Zukunftsvisionen.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. "Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern."