Tuning ist Kunst

Kaum  war  das  Auto  erfunden,  feierten  Künstler  seine  skulpturalen  und  symbolischen  Qualitäten.  Dieses  neue  Objekt  bewegte  sich  so  fremd  und  knatternd  durch  die  Welt. 

Der  Futurist  Filippo  Tommaso  Marinetti  fand  schon  1909  einen  Rennwagen  schöner  als  die  Nike  von  Samothrake.  Obwohl  er  die  Geschwindigkeit  und  den  »aufheulenden  Motor«  pries,  schien  er  durch  den  Vergleich  mit  einer  griechischen  Statue  das  durch  die  Zeit  donnernde  Automobil  kurz  anhalten  zu  wollen,  um  es  in  den  Kanon  aufzunehmen. 

Am  Ende  reichte  es  den  Künstlern  nicht,  das  Auto  ins  Museum  zu  stellen  und  zu  bestaunen.  So  fingen  sie  an,  Kraftfahrzeuge  als  Rohmaterial  zu  begreifen,  das  sich  endlos  künstlerisch  tunen  und  ausdeuten  lässt.  Sie  haben  das  Auto  zu  einer  Metapher  des  modernen  Lebens  verdammt  und  vergöttert,  Karosserien  zerlegt  und  neu  zusammengesetzt,  bemalt,  umgebaut  und  wieder  von  vorn  begonnen.   

Schon  in  den  1960er-Jahren,  lange  bevor  das  Auto  durch  Ölkrise  und  Umweltbewegung  in  Misskredit  geriet,  waren  die  Künstler  bei  der  Totalverschrottung  angekommen:  Die  Bildhauer  John  Chamberlain  und  César  Baldaccini  hatten  Autoteile  zu  Stelen  gepresst,  Arman  sprengte  einen  Sportwagen  gar  in  die  Luft,  Wolf  Vostell  überzog  einen  Opel  Kapitän  mit  Beton  und  nannte  die  Plastik  »Ruhender  Verkehr«.  Der  Sieg  des  Autors  über  das  Auto.

Mehr  Respekt  vor  den  Ingenieurs-  und  Designleistungen  der  Hersteller  zeigte  die  Generation  der  Pop-Art-Künstler.  Fast  schon  wieder  in  Marinettis  Manier  fanden  sie  Schönheit  in  Lack  und  Kurven  der  Karosserien.  In  ironischer  Distanz  stellten  sie  das  Auto  als  Fetisch-  und  Konsumprodukt  dar.  Es  verwundert  nicht,  dass  BMW  Pop-Künstler  wie  Andy  Warhol  und  Roy  Lichtenstein  für  seine  Art  Cars  aussuchte.  Der  Münchner  Autobauer  hat  seit  1975  für  Ausstellungen,  Werbung  und  Rennen  18  seiner  Autos  von  Künstlern  bearbeiten  lassen.  Eine  erdrückende  Zahl  davon  waren  Männer.  Die  schon  von  Marinetti  formulierte  sexistische  Fantasie  vom  Auto  als  Frauenkörper  und  dem  männlichen  Ingenieur,  Fahrer  oder  eben  Künstler,  der  diesen  Körper  beherrscht  oder  formt,  hat  sich  bis  heute  gehalten.  Wenn  Damián  Ortega  etwa  einen  VW  Käfer  in  seine  Einzelteile  zerlegt  und  triumphal  an  die  Decke  hängt  (endlich  durchschaut!),  wenn  Allan  Kaprow  in  einer  Performance  Frauen  Marmelade  von  einer  Kühlerhaube  lecken  lässt  oder  die  Schweizer  Videokünstlerin  Pipilotti  Rist  Scheiben  parkender  Autos  zerschlägt,  dann  spiegelt  sich  darin  auch  die  Geschichte  des  Geschlechterkampfes.  Im  Auto  sind  eben  alle  möglichen  gesellschaftlichen  Zustände  und  Sehnsüchte  verbaut  –  Künstler  wissen  diese  bildhauerisch  zu  präparieren.  Tobias  Rehberger  hat  gemeinsam  mit  Rirkrit  Tiravanija  von  thailändischen  Handwerkern  einen  Porsche  911  und  einen  nie  in  Produktion  gegangenen  Mercedes-Benz  nachbauen  lassen;  ein  Kommentar  auf  das  Auto  als  Statussymbol  und  vermeintlicher  Ausdruck  von  Individualität.  Erwin  Wurm  produzierte  immer  wieder  »fettleibige«  Versionen  von  bekannten  Automarken;  Rubens  statt  Nike,  feister  Wohlstand  statt  Dynamik.  Und  Olafur  Eliasson  hat  sein  BMW  Art  Car  mit  einer  Schicht  Eis  überformt;  Endstand  im  Kampf  zwischen  Klima  und  Klimakiller.  

Und  heute?  Datenverarbeitung  ist  mittlerweile  das  wichtigste  Element  an  Bord  eines  Autos.  Das  Fetischobjekt  des  20.  Jahrhunderts  wird  allmählich  überwuchert  von  digitaler  Information  und  verschwindet  so  als  klar  abgrenzbarer  Gegenstand.  Für  die  jüngste  Ausgabe  des  BMW  Art  Car  hat  die  chinesische  Künstlerin  Cao  Fei  dann  auch  eine  Augmented-Reality-App  entwickelt:  Mit  ihr  kann  sich  der  Betrachter  dem  BMW  M6  GT3  nähern.  Auf  seinem  Bildschirm  sieht  er  nicht  nur  den  tatsächlich  anwesenden  Rennwagen,  sondern  auch  bunte  Lichtpartikel  im  Raum.  Das  Auto  wird  zur  Datenwolke,  die  in  eine  ungewisse  Zukunft  schwebt. 

Daniel Völzke ist als Journalist mit dem Schwerpunkt Kunst auf der ganzen Welt unterwegs, um die Kunstwelt für das Magazin Monopol auf dem Laufenden zu halten. Er schreibt unter anderem für Die Zeit, den Tagesspiegel und die taz. Obwohl er eher leidenschaftlicher Radfahrer als Autofahrer ist, hat er für uns darüber geschrieben, was passiert, wenn Tuning und Kunstwelt aufeinandertreffen – und warum Künstler sich schon immer mit Autos beschäftigt haben.