Eine kleine Sozialpsychologie des Tunings

»Tuning«  heißt  im  Wortsinn  »stimmen«.  Das  kann  etwa  für  ein  Musikinstrument  gelten.  Auf  Autos  angewendet,  bedeutet  es,  das  vorgefertigte  Massenprodukt  »stimmig«  zu  machen,  nämlich  für  die  Besitzerin  oder  den  Besitzer  und  ihre  jeweiligen  Ansprüche.

Zu  Zeiten,  als  ein  Auto  wie  der  Rallye  Kadett  mit  90  PS  antrat,  ging  es  meist  um  Leistungssteigerung.  Heute,  da  jeder  Familienvater  ein  Fahrzeug  mit  200  PS  oder  deutlich  mehr  besitzt,  spielt  das  kaum  noch  eine  Rolle.  Überhaupt  sind  im  Zeitalter  der  immer  individualisierter  werdenden  Massenproduktion  Elemente  des  klassischen  Tunings  serienmäßig  zu  haben:  aufwendige  Lackierungen,  Sounddesigns,  Breitreifen.  Im  Grunde  genommen  ist  es  ein  Signum  zeitgenössischen  Autodesigns,  dass  das  normale  Fahrzeug  schon  aussieht,  als  käme  es  direkt  vom  Tuner. 

Was  bleibt  folgerichtig  demjenigen,  der  das  Auto  für  sich  »stimmig«  machen,  es  also  mit  einem  eigenen  Charakter,  eigenem  Sinn  ausstatten  möchte?  Vielleicht  das  Gegenteil:  ein  leistungsschwächerer  Motor  und  die  Verwendung  nachhaltiger  Rohstoffe.  Oder  er  kann  das  Auto  gar  –  wie  es  viele  Besitzer  von  Vintage-Fahrzeugen  machen  –  dem  Verkehr  entziehen,  es  als  reines  Kulturgut  und  Fetischobjekt  betrachten  und  gelegentlich  streicheln. 

Auch  das  Carsharing  war,  lange  bevor  es  die  Autoindustrie  entdeckte  und  nutzeroptimiert  in  den  Metropolen  verbreitete,  ein  alltagsweltliches  Tuning:  Warum  ein  Auto  allein  nutzen,  wenn es  geteilten  Nutzen  erlaubt?  So  betrachtet  waren  die  legendären  Rote-Punkt-Aktionen  der  Jahre  1968  bis  1971  ebenfalls  Tuning,  ein  gewandelter  Nutzen  vorhandener  Verkehrsmittel.  Aus  Protest  gegen  Fahrpreiserhöhungen  signalisierten  Autofahrer  mit  einem  roten  Punkt  an  der  Windschutzscheibe,  dass  sie  Fahrgäste  mitnehmen  würden.  Oder,  ein  letztes  Beispiel,  die  Formel  Z,  die  der  österreichische  Schuhfabrikant  Heini  Staudinger  einführte:  Kinder  von  Firmenangehörigen  fahren  steuerbegünstigt  Rennen  mit  Bobbycars.  Mit  den  ersparten  Beträgen  wird  den  alleinerziehenden  Mitarbeiterinnen  das  Gehalt  aufgestockt. 

Egal,  ob  technisches,  ökologisches  oder  soziales  Tuning  angewandt  wird,  in  jedem  Fall  gilt:  Ich  schaffe  mir  einen  eigenen  Nutzen,  verwandele  ein  vorgegebenes  Objekt  nach  meinem  eigenen  Sinn.  Und  das  ist  ja  –  die  ganze  Geschichte  der  Moderne  hindurch  –  exakt  der  Modus,  in  dem  Menschen  sich  das  durch  Wirtschaft  und  Industrie  Vorgegebene  aneignen.  Sie  suchen  nach  einer  neuen  Nutzung,  verbessern  und  rüsten  um.  Das  Spektrum  reicht  von  der  Seifenkiste  überden  Holzvergaser  in  Zeiten  von  Benzinmangel  bis  hin  zum  nachgebauten  Supersportwagen  –stets  war  irgendein  Subjekt  zur  Stelle,  um  aus  Vorgegebenem  etwas  Eigenes  auf  die  Straße  zu  bringen. 

Dass  die  Menschen  es  beim  industriell  Vorgegebenem  nicht  bewenden  lassen,  sondern  sich  dieses  aneignen,  zeigt  einen  meist  unbeachteten  Aspekt  gesellschaftlicher  Wertschöpfung  –vor  allem  im  psychologischen  und  sozialen  Sinn,  nicht  in  wirtschaftlicher  Hinsicht.  So  stellt  Tuning  eine  Balance  zwischen  Entfremdung  und  Aneignung,  zwischen  Zwang  und  Subjektivität,  zwischen  Unterdrückung  und  Freiheit  her.  Anders  gesagt:  Tuning  kann  ein  Treiber  von  Modernisierung  sein.  Wenn  es  stimmig  ist.  

Der Sozialpsychologe Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor von Futurzwei, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich mit Fragen nach einer nachhaltigeren Zukunft auseinandersetzt. Er lehrt Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und leitet dort das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research. An Tuning interessiert ihn besonders der sozialpsychologische Aspekt. Er ist der Ansicht, dass Tuning ein Motor für Fortschritt ist, weil es immer nach neuen Nutzungsformen und Lösungen sucht.