Der Architekt: Jesko Fezer

Jesko Fezer ist nicht nur ein Architekt, sondern ein Spediteur von Fachwissen, findet Florian Heilmeyer: das Porträt eines Architekten, der aus Prinzip im Kollektiv arbeitet.

Für die Grenzen seines Faches, der Architektur, hat sich Jesko Fezer wohl noch nie interessiert. Wenn, dann höchstens in dem Sinne, dass er immer schon besonders gerne an den Rändern der Disziplinen unterwegs war, von einer zur anderen gewandert ist. Dabei hat er einen schwungvollen Transport von Wissen in Gang gesetzt. Ein wenig überspitzt ließe sich also sagen, dass Fezer im Grunde nicht als Architekt, sondern als Spediteur arbeitet. Er betreibt ein Im- und Export-Geschäft für Fachwissen.

Dieses Wechselspiel zwischen den Disziplinen beginnt Fezer schon zu Schulzeiten, als er 1989 mit Freunden das Künstlerkollektiv Schleifschnecke Stuttgart gründet, das in wechselnden Konstellationen an Ausstellungen teilnimmt. Fezer entscheidet sich dennoch fürs Architekturstudium, erst an der Technischen Universität in Kaiserslautern, dann an der Hochschule der Künste in Berlin. Hier ist er Mitgründer des nächstes Kollektivs, dieses Mal ist es das Stadtpolitische Architekturkollektiv Freies Fach. Die Gruppe setzt eigene Studieninhalte, will sich nicht nur mit einer möglichst fehlerfreien Konstruktion von Gebäuden beschäftigen, sondern durch Diskussionsbeiträge und direkte Aktionen am Diskurs über die Gestaltung des zusammenwachsenden Berlins teilnehmen. Sie beziehen vor allem Position gegen Senatsbaudirektor Hans Stimmanns »kritische Rekonstruktion« des historischen Berlins und gründen eine unabhängige, ebenso text- wie theoriefreudige Architekturzeitschrift: An Architektur – Produktion und Gebrauch gebauter Umwelt

© Fotografiert von Noshe

Diese selbstinitiierten Projekte und Kooperationen sind wegweisend für Fezer, der nach seinem Studium – statt in einem Architekturbüro anzufangen – mit Axel John Wieder und Katja Reichard einen Buchladen in Berlin-Mitte aufmacht: Pro qm – thematische Buchhandlung zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und Theorie. Die etwas lang geratene Themenliste im Namen gibt die Interessengebiete der drei Buchladenpartner höchstens ausschnittsweise wieder. Sie beginnen ein engagiertes und lebhaftes Rahmenprogramm mit einer guten Mischung aus all diesen – und noch mehr – Wissensfeldern. Lesungen, Diskussionen, Vorträge und Filmabende bringen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, ihre Themenschwerpunkte lauten »Episteme«, »praktische Probleme der Selbstorganisation« oder »spekulativer Realismus«. In Berlin finden sie ein aufgeschlossenes Publikum, das diese Lust an der permanenten Überschneidung teilt. Es ist ein Laden, der zu Fezer passt: ein Laden für den Im- und Export von Wissen.

Dabei ist Fezers Grenzgängertum kein Selbstzweck. Wer sich für die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen interessiert, aus denen heraus Architektur entsteht und erklärbar wird, der muss sich zwangsläufig zwischen den Fachbereichen einrichten. Neben dem Buchladen beginnt er eine Karriere an der Universität. Fezer arbeitet vor allem dort, wo Architektur und Stadt als disziplinenübergreifende Themen begriffen und erforscht werden. Er unterrichtet Architekturtheorie an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, dann Ausstellungsgestaltung an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er ab 2009 am Institut für Designforschung gemeinsam mit dem Schweizer Kommunikationsdesigner Ruedi Bauer, dem mexikanischen Stadtplaner Miguel Robles-Duran und dem deutschen Grafiker Matthias Görlich das Graduiertenprogramm Civic City aufbaut. Hier sollen alle zusammenkommen, die mit Stadtplanung zu tun haben: Designer, Architekten, Politiker, Soziologen, Geografen, Stadtplaner, Juristen, Ökonomen. Wieder geht es darum, die Disziplinen zusammenzubringen, existierendes Wissen auszutauschen und neues zu generieren.

© Fotografiert von Noshe

Auch wenn es um »klassische« Architektur geht, ist Fezer immer in Kooperationen anzutreffen. Seit 2004 arbeitet er regelmäßig mit einem anderen Kollektiv zusammen: dem Berliner Institut für angewandte Urbanistik (ifau). Die Projekte sind von einem politisch-experimentellen Ansatz geprägt und folgen einer reduzierten Architektur, die am liebsten mit günstigen Materialien pragmatische Minimaleingriffe in bestehenden Bauten durchführt. Dabei sind die einfache Machart und provokante Unfertigkeit ein Statement. Die Benutzer der Räume werden aufgefordert, sich mit dem Gebrauch und den Möglichkeiten der Gebäude und ihrer Ausstattung auseinanderzusetzen – die Arbeit der Architekten als noch zu vervollständigenden Anfang, nicht als fertiges Endprodukt zu begreifen. Neben den Umbauten des Künstlerhauses Stuttgart, dem Wyoming Building New York und dem Palais Thinnfeld in Graz gehört das Wohngebäude R50 in Berlin, das sie mit den künftigen Bewohnern zusammen als Baugruppe, ja quasi als Versuchsanordnung für einen basisdemokratischen Entwurfsprozess, entwickelt haben, zu ihren bekanntesten Projekten.

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Ausstellungsarchitektur, Ein Performanceprojekt, Kunsthaus Bregenz, 2010.
Ausstellungsansicht, Sammlung Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2012.
Ausstellungsansicht, The Whole Earth/Kalifornien und das Verschwinden des Außen, Haus der Kulturen der Welt, 2013.
Ausstellungsansicht, Ungebautes Salzburg, Museum der Moderne Salzburg, 2015.

 

Seit 2011 ist Fezer regulärer Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, allerdings – um es nicht allzu regulär werden zu lassen – für Experimentelles Design. Eines seiner charmantesten Projekte dort ist die »öffentliche Gestaltungsberatung«, die in einem kleinen Laden im Stadtteil St. Pauli eine »kostenlose Designunterstützung bei Alltagsproblemen« anbietet. Mit dem linksalternativen Duktus, der zu vielen von Fezers Projekten gehört, wird auf der Webseite versprochen: »Wir finden, dass Design allen zur Verfügung stehen sollte, weil es viel mehr ist als nur schicke Edel-Möbel zu entwerfen.« Eine möglichst schrankenlose Demokratisierung von Planung und Gestaltung ist vielleicht eines der zentralen politischen Motive in Fezers Projekten, das Gestalten als eine Form kollektiver Selbstermächtigung.

»Alles, was ich mache, entsteht in Kooperationen«, hat Jesko Fezer über seine Arbeitsweise gesagt. Das fasst seine vielen verschiedenen Arbeitsfelder wohl am besten zusammen. Es geht ihm nicht nur um einen Transport von Wissen, und hier endet das Bild des Spediteurs, es geht um eine Haltung, eine Auswahl und um die Produktion von neuem Wissen. Dazu kommt die Frage, wie sich diese vielfältige Informationsakkumulation und -verknüpfung jenseits des Hochschulkontextes vermitteln lässt. 

Alles, was ich mache, entsteht in Kooperationen.
Jesko Fezer

Auch am Design Display in der Autostadt arbeitet Fezer nicht alleine, sondern mit der Stadtforscherin Anita Kaspar und mit dem Professor für Ausstellungsdesign, Andreas Müller. Die drei kennen sich noch aus der Redaktion der An Architektur und bilden seit 2008 die Kooperative für Darstellungspolitik. Ihr thematischer Schwerpunkt ist die Forschung »zur Repräsentation politischer und kultureller Anliegen in der Öffentlichkeit«. Sie gestalten Ausstellungen wie Geniale Dilletanten für das Goethe-Institut oder The Whole Earth im Haus der Kulturen der Welt. Außerdem haben sie die Inneneinrichtung für Kunsträume wie Casco in Utrecht, Index in Stockholm oder das Kinofoyer des Arsenal in Berlin gestaltet. Im Kunsthaus Bregenz haben sie ein veränderbares Raumgerüst für Performance-Kunst eingesetzt. Es sind Projekte im Kulturbereich, die mit einer bestimmten Überzeugung betrieben werden, und es wird spannend sein zu sehen, wie die Darstellungskooperative diese Haltung in der Autostadt zum Ausdruck bringen wird.

 

Florian Heilmeyer, geboren 1974, arbeitet als Journalist, Autor und Kurator in seiner Heimatstadt Berlin. In Texten, Büchern, Vorträgen und Ausstellungen setzt er sich mit Architektur, Stadt und Gestaltung auseinander. Seit 2007 ist er freier Redakteur für BauNetz und MARK – Another Architecture sowie Korrespondent für Werk, Bauen + Wohnen.