»Wir können Bürger auf der ganzen Welt stärken«

ON DISPLAY (OD): Was ist die estnische E-Residency?

KASPAR KORJUS (KK): Mit der E-Residency können Ausländer den gleichen elektronischen Ausweis erhalten, den auch die Einwohner Estlands besitzen. Jeder kann sich online unter e-resident.com/de dafür bewerben. Man muss ein paar persönliche Angaben machen, 100 Euro bezahlen und eine Kopie seines Reisepasses hochladen. Sobald die estnischen Behörden die Angaben geprüft haben, erhält man eine E-Mail, in der idealerweise steht, dass alles in Ordnung ist und man den Ausweis abholen kann. Dann geht man zur nächsten estnischen Botschaft, lässt sich einen Fingerabdruck abnehmen, weist sich mit seinem Reisepass aus und bekommt den Ausweis ausgehändigt.

OD: Welche Menschen nutzen die E-Residency?

KK: Die meisten Teilnehmer des Programms sind Personen, die in Estland ein Unternehmen gründen wollen. Obwohl sie außerhalb der EU ansässig sind, müssen sie als E-Residents dafür kein einziges Mal nach Estland oder in die EU reisen. Selbst wenn sie weltweit aktiv sind, müssen sie keinen Geschäftsführer vor Ort einstellen.

OD: Welche Vorteile bieten sich dadurch für Estland?

KK: Die E-Residents kurbeln die estnische Wirtschaft an, indem sie zum Beispiel unsere Dienstleistungen nutzen. Für Estland ist das wichtig, weil das Land nur 1,2 Millionen Einwohner hat. Davon abgesehen möchte die estnische Regierung einen globalen Beitrag leisten: Als digitale Gesellschaft können wir Bürger auf der ganzen Welt stärken, indem wir ihnen anbieten, E-Resident zu werden, egal, woher sie kommen. Im Internet sind alle Menschen gleich, jeder sollte dort sein Unternehmen führen können.

Wir befinden uns am Anfang eines langen Weges. Wir möchten nicht nur für die Menschen da sein, die innerhalb unserer Landesgrenzen leben

OD: Welche Rolle spielt die Blockchain für E-Estonia? 

KK: Sie ermöglicht die estländische Infrastruktur, X-Road, die von den verschiedenen Ministerien zum Datenaustausch genutzt wird. Durch diese neue Technologie können die meisten Transaktionen im Hintergrund ablaufen. So müssen Einwohner beispielsweise ihren Steuernachweis nicht mehr beim Finanzamt anfordern und bei einem anderen Amt einreichen: Alle Institutionen können diese Informationen auf digitalem Wege abrufen.

OD: Wie sehen die Zukunftspläne für Estlands elektronische Demokratie aus?

KK: Wir befinden uns erst am Anfang eines langen Weges. Wir möchten nicht nur für die Menschen da sein, die innerhalb unserer Landesgrenzen leben, sondern wir betrachten die ganze Welt als unsere Nation mit unseren Bürgern, denen wir zu Diensten sein können – auch wenn wir sie »digitale Bürger« nennen.

Das Interview führte Mara Recklies.

Kaspar Korjus ist der Leiter des estnischen E-Residency-Programms.