Besteck

Kaum ein Gegenstand kommt dem Menschen so nahe wie Essbesteck, denn wir stecken Gabel und Löffel in den Mund. Sogar unsere Kultur ist von unseren Tischwerkzeugen geprägt: Seit Einführung der Gabel im 15. Jahrhundert in Frankreich und Italien isst man in Europa nicht mehr mit den Fingern.

Zugleich sind Bestecke Repräsentationsobjekte. Die Materialien oder Verzierungen zeigen den sozialen Status des Besitzers an. Nicht selten wurde Besteck deshalb aus Gold oder Silber gefertigt, manchmal wurden sogar Elfenbein oder Edelsteine verarbeitet. Aber nicht nur materieller Reichtum, sondern auch kulturelle Bildung wurde durch Besteck dargestellt. So erweiterte die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts das Tafelbesteck – Messer, Gabel, Löffel – um unzählige Variationen, mit denen sie ihre Esskultur demonstrieren konnte. Die Dessertlöffel und Fischmesser von heute sind nur noch ein Überbleibsel der vielen Besteckteile, die damals gefertigt wurden.

Das zwölfteilige Besteck wurde von Jasper Morrison entworfen und wird von dem japanischen Kaufhaus Muji vertrieben.

«Auf gewisse Weise kopierten wir die Art, wie die Evolution konstruiert»14, erinnert sich Laarman an das Projekt, das ihm den Durchbruch brachte. Alles schon einmal da gewesen? Man sieht mit einem veränderten Blick auf die Strukturen, die Architekten wie Antoni Gaudí oder Carlo Mollino Jahrzehnte vor Laarman schufen. Mit deren obsessiven Formwelten wurden seine ersten Möbel mitunter verglichen. Auch Gaudí bediente sich ausgefeilter Simulationstechniken. Ingenieure wie Architekten fasziniert bis heute Gaudís vier Meter hohes Hängemodell der Kirche für die Colònia Güell bei Barcelona. Mit einem Gefl echt aus Fäden, das mit schrotgefüllten Säckchen belastet war, studierte er die idealen Kettenlinien und damit die Lastverteilung des komplexen Ziegelsteinbaus. Das Hängemodell ist nur in historischen Fotos überliefert. Zusammen mit Grundrissen der ausgeführten Krypta dienten sie 2008 dazu, den geplanten Bau, der 1914 aus Kostengründen gestoppt wurde, per 3D-Software zu rekonstruieren.15 Erst wenn wir Mollinos organisch geformte Möbel mit dem Wissen von Claus Mattheck ansehen, erkennen wir, wie Mollino Kerbspannungen vermied, indem er in Architektur und Design entlastende Zugdreiecke verwandte. Noch immer ist das Werk der beiden alten Individualisten an- und aufregend, während das von Joris Laarman gerade erst beginnt. «Wir schufen vielleicht nicht den perfektesten Stuhl künftiger Welten», sagt er, «aber wir nutzten ein Hightech-Werkzeug, um elegante Formen mit einer gewissen Legitimität zu erschaff en.»16 Wer weiß, wohin Laarmans Lab uns noch führen wird? Gewiss ist dagegen: Im Design galt die Herausbildung von Standards lange als Ziel aller Bemühungen. Heute ist das Individuelle der Standard.

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Diese Haltung findet sich in all seinen Entwürfen, die er gern als »supernormal« bezeichnet. Das betrifft Möbel, die von anspruchsvollen Designunternehmen hergestellt werden, aber auch Objekte wie eine Straßenbahn, ein Gartenhäuschen, einen Wasserkocher oder ein Handy. Morrisons Liebe zum Normalen brachte ihn auf die Idee, gut entworfene Alltagsgegenstände zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen. In seinem Londoner Studio hat er inzwischen einen Shop eingerichtet, in dem er diese einfachen, »supernormalen« Gebrauchsgegenstände verkauft. Dort finden sich gewöhnliche Büroklammern, Thermometer, Sparschäler, Schraubenschlüssel oder ein schlichter Plastikeimer, der nur 1,50 Euro kostet. Einige dieser Gegenstände sind von Morrison oder anderen bekannten Designern entworfen worden, bei manchen ist der Name des Gestalters nicht bekannt – und bei allen auch nicht wichtig. Jasper Morrison steht für ein Design, das in einer Zeit der Aufgeregtheit das Unaufgeregte sucht und das Normale dem Außergewöhnlichen vorzieht. In einer Welt, in der die Dinge immer komplizierter werden, ist seine Rückbesinnung auf die Einfachheit für viele eine Befreiung.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. "Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern."