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Carla Fernández: Eine moderne Modeanthropologin

Für die mexikanische Designerin Carla Fernández ist der Blick zurück der Weg nach vorn. Ihr Ansatz, althergebrachte und moderne Techniken und Motive zu kombinieren, macht sie zu einer Revolutionärin, die auf intelligente Art und Weise die Regeln der globalen Mode verändert.

Die Modedesignerin Carla Fernández blickt mit den Augen einer Anthropologin auf die Traditionen und die kulturellen Schätze Mexikos. Mit ihrer Mode, die sie zusammen mit mexikanischen Kunsthandwerkern und Künstlern entwickelt, sorgt sie dafür, dass sich die textilen Traditionen des Landes weiterverbreiten. »Man findet Haute Couture in den Bergen Mexikos, im Hochland von Chiapas, an der Küste der Mixteken und in den Canyons der Tarahumara, wo die Menschen auf eine fünftausendjährige Erfahrung in ihrem Kunsthandwerk zurückblicken«, so die Designerin. »Handgefertigte Kleidung ist mehr als nur Mode. Sie ist Ausdruck unseres Menschseins.« Tatsächlich folgt Fernández in ihrem Leben und in ihren Entwürfen dem Mantra: Die Zukunft ist handgemacht.

Man findet Haute Couture in den Bergen Mexikos, im Hochland von Chiapas, an der Küste der Mixteken und in den Canyons der Tarahumara, wo die Menschen auf eine fünftausendjährige Erfahrung in ihrem Kunsthandwerk zurückblicken

Ihre Reisen und Recherchen sowie ihre private Leidenschaft für alles Mexikanische haben Fernández zu einer Expertin für die präkolumbische Herstellung von Kleidung gemacht. Die Design- und Fertigungstechniken gehen auf die Praktiken der präkolonialen Maya- und Aztekenkultur zurück. Was sie verbindet, ist die strenge Geometrie. Diese alten Verfahren funktionieren nach origamiähnlichen Prinzipien mit Quadraten und Rechtecken, die im Webstuhl gefertigt und anschließend zusammengenäht werden, sodass keine Abfälle entstehen. Fernández nennt es »Square Root System« (Quadratwurzelsystem). Dabei lässt sie sich von der Kleidung inspirieren, die mexikanische Frauen seit Generationen tragen: Rebozos, Jorongos, Enredos, Quechquemitl und Fajas. Doch sie sind letztlich bloß der Ausgangspunkt: Fernández schöpft nämlich nicht nur innovative Ideen aus diesen Traditionen, sondern entwickelte auch in der Zusammenarbeit mit den mexikanischen Kunsthandwerkern ihren ganz eigenen Stil. Er fußt auf der Anerkennung und der Wertschätzung von Ideen, Tradition und Handwerk – das schlägt sich auch in der fairen Bezahlung nieder.

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Carla Fernández’ Produkte und Prozesse stehen für einen multidisziplinären Ansatz, Mode gehört in ihren Augen zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Ihr Engagement geht weit über ihre Modemarke hinaus. Sich selbst sieht sie als Teil eines Ökosystems, zu dem auch Fotografen, Künstler, Aktivisten, Musiker, Autoren, DJs und Köche gehören. So hat sie im Rahmen der Präsentation der Frühlings- und Sommerkollektion 2017 eine Tanzperformance organisiert, in der sie Kunstfertigkeiten und Ideen von elf Stämmen zusammenbrachte. Silas Reiner und Rashaun Mitchell, zwei ehemalige Tänzer der Merce Cunningham Company, beauftragte sie als Choreografen. Indigene Kunst wurde durch fünf geschnitzte Totemskulpturen in das bewegte Bild der Show integriert. Die neue Boutique der Designerin in Colonia Roma, einem aufstrebenden In-Viertel in Mexiko-Stadt, bietet die perfekte Plattform für ihre Idee, mit gleichgesinnten und kreativen Köpfen darüber nachzudenken, was derzeit gefragt ist.

Sich selbst sieht sie als Teil eines Ökosystems, zu dem auch Fotografen, Künstler, Aktivisten, Musiker, Autoren, DJs und Köche gehören

Carla Fernández arbeitet mit altbewährten lokalen Materialien, wie Indigo aus Oaxaca und der Coyuchi-Baumwolle der Mixteken. Wollgarne lässt sie mit Schlamm aus San Juan Chamula färben. In der präkolumbischen Zeit wurden Stoffe nicht zugeschnitten; die traditionelle Kleidung hat sich ihre Einfachheit bewahrt, allen europäischen Modeeinflüssen zum Trotz. Ihr wichtigstes Prinzip besteht darin, den Körper einzuwickeln. Auch die Kreationen von Fernández umschließen den Körper geschickt. Muster, Schnitte und Materialien werden originell kombiniert. Das Ergebnis ist ein zeitgenössischer Stil: frisch, neu und urban, ohne gleich »Ethno« zu schreien.

Wollgarne lässt sie mit Schlamm aus San Juan Chamula färben

Die Arbeit von Carla Fernández geht über die Gestaltung von Mode hinaus. Sie erfindet ihre eigenen Regeln, schafft Trends und definiert alte Paradigmen neu. Dabei bleibt sie ihren Prinzipien treu. Ihre Art, Traditionen zu bewahren, zeichnet sich vor allem durch die Langsamkeit sämtlicher Prozesse und das radikale Design aus, dem entscheidenden Motor. Carla Fernández hat ein solides Archiv textiler Traditionen für zukünftige Generationen geschaffen. Sie verkörpert die Balance zwischen Altem und Neuem, zwischen Langsamkeit und Schnelligkeit. Die Zukunft ist tatsächlich handgemacht.

 
Carla Fernández wurde 1973 in Saltillo im mexikanischen Bundesstaat Coahuila geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Modedesign. Früh spezialisierte sie sich auf traditionelle mexikanische Kleidung. Das überlieferte Kunsthandwerk vor dem Aussterben zu bewahren, steht im Zentrum ihrer Tätigkeit. 2000 gründete sie ihr eigenes Modelabel. Zudem ist sie die Leiterin von Taller Flora, einem mobilen Workshop, der sämtliche Regionen Mexikos bereist, um alte Web-, Stick- und Färbetechniken zu dokumentieren und ein Kunsthandwerkernetzwerk aufzubauen.
Marcella Echavarria wurde in Kolumbien geboren, heute lebt sie in New York. Von dort aus bereist sie die ganze Welt, um Kulturen, Künstler, lokales traditionelles Kunsthandwerk und globale Trends zu erforschen. Mit diesen Schwerpunkten ist sie als Autorin, Unternehmerin und Beraterin tätig, unter anderem für die UNESCO.