Border City

Wie entwirft Mexiko seine Zukunft? Einen visionären Ansatz erproben Fernando Romero und sein Büro FR-EE. Sie verfolgen seit vielen Jahren die Idee einer binationalen Zukunftsstadt, die eines Tages an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten angesiedelt sein soll. Diese Border City genannte Idealstadt soll zu einem Modell für neue Städte auf der ganzen Welt werden.

Wie überall sonst auch ziehen in Mexiko Menschen vom Land in die Stadt, um Arbeit zu finden. Eine der Wachstumsregionen in Mexiko liegt entlang der Grenze zu den USA. Dort haben sich viele Montagebetriebe niedergelassen, die von den niedrigen Löhnen und dem Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada profitieren. Doch die Urbanisierung erfolgt nicht planmäßig: Es entstehen Siedlungswucherungen, denen eine klare räumliche Struktur, ja grundlegende soziale und kulturelle Infrastrukturen fehlen. An diesem Punkt setzt Romeros Border City an. Die Planstadt will eine geordnete Siedlungsstruktur schaffen, die zukünftig organisiert weiterwachsen kann und ihren Einwohnern Angebote in den Bereichen Bildung, Kultur, Gesundheit und Mobilität macht. Sie soll Bindeglied und Katalysator der zukünftigen Entwicklung in der gesamten Region sein.

© FR-EE

Als geeigneten Standort für die Border City hat Romero ein Gebiet westlich der mexikanisch-amerikanischen Metropolregion El Paso und Ciudad Juárez ausgemacht. Ciudad Juárez ist heute die am rasantesten wachsende Stadt Mexikos. In unmittelbarer Nähe befinden sich zahlreiche Grenzübergänge, auf amerikanischer Seite der 2014 errichtete Container-Güterbahnhof von Santa Teresa, die Interstate-Autobahn I-10 und drei Flughäfen.

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Border City: Flächennutzung – Wohnen (Orange), Gewerbe (Rot), Industrie (Rosa), Freiraum (Violett), Verwaltungen (Blau), Ver- und Entsorgung (Grau).
Border City: Funktionen – Stadtteile
Border City: Funktionen – Industrielle Achse
Border City: Mobilität – Mobilität ist ein wichtiges Thema in der Border City. Die Verkehrsinfrastrukturen sind sehr gut ausgebaut. Egal wo man wohnt, die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ist zu Fuß in maximal acht Minuten erreichbar.
Border City: Mobilität – Schnellzugnetz
Border City: Mobilität – Fuß- und Fahrradwege
Border City: Mobilität – Metrobusnetz
Border City: Mobilität – Autoverkehr
Die Stadt als anpassungsfähiges System. Ineinandergreifende geometrische Prinzipien ermöglichen eine polyzentrische Stadt.

Die räumliche Struktur der Border City lässt sich endlos erweitern, je nachdem, wie stark Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Sie beruht auf zwei sich überlagernden Systemen: ein radiales und ein hexagonales Straßensystem. Die Flächen innerhalb dieser beiden Systeme sind orthogonal gerastert. Aufgrund dieser Struktur hat die Stadt nicht nur ein Zentrum, sondern mehrere gleichberechtigte Stadtkerne und funktionale Achsen. Dennoch hat die geografische Mitte eine besondere Bedeutung. Dort liegt die »Internationale Zone«. Dieses Gebiet, das sich über das Territorium der USA und Mexikos erstreckt, soll als »Sonderwirtschaftszone« der Motor der regionalen Entwicklung sein.

Die Border City soll nicht nur eine Idee bleiben. Gemeinsam mit einem amerikanischen und zwei mexikanischen Investoren treibt Romero ihre Realisierung voran. Er will die 290 Quadratkilometer große Border City für 250.000 Einwohner in der nächsten Dekade errichten. Auch die Ankündigungen des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die Grenze stärker abzuschotten und das Freihandelsabkommen mit Mexiko aufzukündigen, halten ihn nicht von seinem Vorhaben ab.

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Die Border City adressiert eine der wichtigsten zeitgenössischen Herausforderungen: Wie gehen wir mit Bevölkerungswachstum und globaler Migration um? Können wir bestehende Grenzen überwinden? Oder verfestigt die Angst vor Veränderung die Grenzen? Mit seinem Entwurf stellt Romero sich in eine Tradition, die in der Renaissance begann und schließlich auch die moderne Architektur geprägt hat. Seit jeher haben Architekten Idealstädte entworfen. Wichtig war und ist dabei immer, nicht nur über Raum und Architektur nachzudenken, sondern die Gesellschaft zu hinterfragen. Fernando Romero nutzt die Border City, um der brisanten politischen Situation der Gegenwart eine weltoffene Zukunft entgegenzustellen: Eine Stadt, die in der Zukunft nationale Grenzen überwindet.

Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt. Er lehrt Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Berlin leitet er das Projektbüro Friedrich von Borries, das in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst agiert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuchen wir, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuchen wir, diese Welt zu verändern.«