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Körper. Ersatz. Teile.

Sind Prothesen Fluch oder Segen? Verbessern sie die Lebensqualität oder entmenschlichen sie ihre Träger? Annika Wellmann-Stühring erklärt, wie sich Prothesen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte entwickelten und welche gesellschaftliche Bedeutung sie haben.

Was ist eine Prothese?

Prothesen sind gängige Begleiter im Alltag, kaum jemand verzichtet auf ihre Dienste. Sie sitzen als Brillen auf dem Nasenrücken oder schwimmen als Kontaktlinsen auf dem Tränenfilm des Auges. Sie haften als Hörgeräte im oder hinter dem Ohr. Als künstliche Gebisse gewährleisten sie nach Zahnverlusten die problemlose Nahrungsaufnahme, eine klare Aussprache und ein schönes Lächeln. Und in Form von Herzschrittmachern geben sie dem Pumpmuskel den Takt für einen gleichmäßigen Rhythmus vor. Prothesen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. 

Das Wort »Prothese« hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet »Hinzusetzen«. Prothesen sind aus körperfremdem Material gefertigter Ersatz von Körperteilen und Organen. Nach körperlichen Einbußen, etwa durch Krankheiten, Unfälle oder Kriegsverletzungen, sollen sie zu einem möglichst problemfreien Weiterleben verhelfen. Sie leisten, so der Medizinhistoriker Thomas Schnalke, »Ersatzdienste auf dem Körper, am Körper und im Körper«.1

Prothesen sind vielfältig und erfüllen unterschiedliche Zwecke. Arm- und Beinprothesen stellen verlorene Funktionen wieder her und ermöglichen geübten Nutzerinnen und Nutzern, wieder zu gehen oder zu greifen. Mit Hör- und Sehhilfen lassen sich schwindende Sinne stärken. Epithesen, die Augen, Ohren oder Nasen nachgebildet sind, sorgen für einen kosmetischen Ausgleich. Anders als Prothesen können sie die Funktionen dieser Körperteile – das Sehen, Hören und Riechen – nicht ersetzen. Zu den Prothesen zählen auch Implantate und Endoprothesen, die nicht außen am Körper angebracht werden, sondern in ihm verschwinden: Linsenimplantate, Herzschrittmacher, künstliche Herzklappen, Gelenke, Gefäße und Schädelplatten sowie Brust-, Waden- oder Gesäßimplantate werden im Körperinneren verankert und kommen ihren Aufgaben hier oft ein Leben lang nach.2

 

1    Thomas Schnalke, »Das Fremde im Dienst des Eigenen. Die Prothese«, in: Fremdkörper – Fremde Körper. Von unvermeidlichen Kontakten und widerstreitenden Gefühlen, hrsg. von Annemarie Hürlimann u. a., Ostfildern-Ruit 1999, S. 132–144, hier S. 133.

 

Zahnprothese
Vom 18. Jahrhundert an gab es künstliche Gebisse aus Porzellan. Sie waren eher ästhetisch als funktional.

 

   Vgl. Verena Burhenne (Hrsg.), Prothesen von Kopf bis Fuß, Münster 2003.

Geschichtliche Entwicklung

Seit jeher versuchten Menschen, fehlende Gliedmaßen durch Prothesen zu ersetzen und eingeschränkte Körperfunktionen auszugleichen. Voraussetzungen für die prothetische Versorgung waren die Verwendung geeigneter Werkstoffe, die Entfaltung von Kenntnissen über den Bau von Apparaten und die Verbreitung medizinischer Innovationen. Doch wo konnten Prothesen am Körper ansetzen? Sollten sie ästhetische oder funktionale Wiederherstellung gewährleisten? Und wer profitierte von der Technik? Diese Fragen beantworteten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen verschiedener Epochen höchst unterschiedlich.

Von Beginn an prägte Thomas Schnalke zufolge ein »nüchternes Körperverständnis« die Prothetik.3 Der Umgang mit dem Körper war sachlich begründet: Wer ein Körperteil oder dessen Funktion eingebüßt hatte, sollte es durch ein Hilfsmittel ersetzen. Von Belang war in erster Linie, dass die Betroffenen der Gesellschaft so wenig wie möglich zur Last fielen, den ihnen zugedachten Aufgaben weiterhin nachkamen und sich selbst ernähren konnten. Im Mittelalter bewegten sich Leprakranke, die oft auf Almosen angewiesen waren, auf hölzernen Hanteln fort. Wer eine Amputation erlitten hatte, schnallte sich ein Holzbein oder einen Haken an den Bein- oder Armstumpf, um der Arbeit nachzugehen. Mönche glichen Sehschwächen aus, indem sie Lesesteine auf die Schriften legten, die sie studieren wollten – im späten 13. Jahrhundert fand das geschliffene und gefasste Glas dann auf der Nase seinen Platz.

Kriege und der neue Blick der Anatomen ins Innere des Körpers, der Einsicht in biomechanische Funktionszusammenhänge vermittelte, setzten im 16. und 17. Jahrhundert einen Aufschwung der Prothetik in Gang. Konstrukteure erdachten filigrane Vorrichtungen. Allerdings konnten sich nur Wohlhabende Hilfsmittel leisten, deren Herstellung viel handwerkliches Geschick erforderte. Die eiserne Kunsthand des fränkischen Reichsritters Götz von Berlichingen (1480–1562) ist ein bekanntes Beispiel. 4

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts erfuhren Prothesen eine größere Verbreitung. Dem gingen eine Reihe technischer Innovationen voraus. So fanden Zahnmediziner nun Techniken zur zuverlässigen Befestigung von Zahnersatz und Materialien, die der aggressiven Mundflora und den starken Kaukräften widerstanden, keine Reaktionen im Gewebe auslösten und ästhetische Bedürfnisse zufriedenstellten.5 Elektronische, auf der Entwicklung der Telefontechnik beruhende und immer kleiner werdende Hörgeräte verdrängten seit der Wende zum 20. Jahrhunderts nach und nach das große dunkle Hörrohr, das Schwerhörigkeit für Mitmenschen nur allzu sichtbar gemacht hatte.6

Zum Ersatz von Gliedmaßen ersannen Ärzte und Handwerker ständig neue Apparate aus Holz, Leder, Blech, Kupfer oder Tierfell, in deren Konstruktionen sie anatomische und biomechanische Kenntnisse einbezogen. So entstanden bereits im frühen 19. Jahrhundert Prothesen-Sprunggelenke mit Füßen, die in alle Richtungen beweglich waren, und Scharnier-Kniegelenke, die eine hohe Standsicherheit ermöglichten und deshalb zum Vorbild für etliche spätere Prothesenkonstruktionen wurden.7

Die Versorgung mit Prothesen wurde durch die seit der Aufklärung verbreitete Idee begünstigt, der Körper sei eine Maschine, deren Teile austauschbar seien. Die technischen Innovationen gewannen auch Akzeptanz, weil medizinische Neuerungen wie Narkose Eingriffe erträglich machten und durch verbesserte Hygienevorrichtungen die Chancen stiegen, aufwendige Operationen zu überleben. Und zumindest in Deutschland ermöglichte ab dem späten 19. Jahrhundert auch eine gesetzliche Unfallversicherung eine Hilfsmittelversorgung für Menschen mit niedrigem Einkommen.8

Mit dem Ersten Weltkrieg gewann die Prothetik besondere Relevanz. Die Materialschlachten forderten auf allen Seiten Opfer in bis dahin unbekannter Zahl. Neuneinhalb Millionen Soldaten starben, zwanzig Millionen trugen schwere Verwundungen davon und acht Millionen kehrten als Kriegsinvaliden in die Heimat zurück.9 Allein auf deutscher Seite erlitten knapp 70.000 Soldaten Verluste von Gliedmaßen. Um die Versorgung der großen Zahl beschädigter Kriegsheimkehrer sicherzustellen, sollten sie schnellstmöglich wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. Moderne Prothesen sollten dies ermöglichen.10

Prothesentechnik avancierte zur Massentechnologie. Um eine umfassende Ausstattung mit Kunstgliedern gewährleisten zu können, strebten Ärzte und Ingenieure eine Standardisierung der einzelnen Teile an. Sie wurden von der neu aufkommenden Prothesenindustrie, zu denen Firmen wie die Orthopädische Industrie GmbH (aus der die noch heute existierende und in vielen Bereichen als Marktführer agierende Otto Bock HealthCare GmbH hervorging) zählten, in Serie vorproduziert.11 Besondere Aufmerksamkeit galt den sogenannten Arbeitsarmen, die zwar nicht das Aussehen von Händen nachahmten, aber deren Funktionen wiederherstellen sollten. Der Amputationsstumpf wurde dabei direkt mit dem Werkzeug verkoppelt: Statt in einer Hand mündete das Kunstglied in einem Hammer, einem Ring oder einer Klaue. Im Prothesenbau galt die Formel: »form follows function« .12

Zwei Weltkriege innerhalb von 30 Jahren führten dazu, dass in wohl allen beteiligten Staaten so viele Kriegsversehrte lebten wie nie zuvor. Hinzu kam eine große Zahl von Menschen, die durch Arbeitsunfälle und Krankheiten körperliche Einbußen erlitten hatten. Um die Versorgung mit Prothesen voranzutreiben, tauschten Experten ihr Wissen aus. US-amerikanische Fachleute reisten in der Nachkriegszeit nach Europa, denn die Prothesentechnologie stand hier seit dem Ersten Weltkrieg in dem Ruf, besonders ausgefeilt zu sein. Deutsche Fachleute wiederum lernten auf Studienreisen in angelsächsische Länder neue Materialien und Techniken kennen.13

Seit den späten 1950er-Jahren erlebte die Prothesentechnik wieder Innovationsschübe. Elektronik erlaubte ausgeklügelte Steuerungen: Myoelektrische Armprothesen nutzten zur Bewegung die Muskelpotenziale im Armstumpf. Elektroden im Schaft nahmen die Impulse auf, verstärkten sie und leiteten sie an einen Elektromotor weiter, der die Prothesenhand öffnete, schloss oder drehte. Mit einem Kosmetiküberzug versehen, kaschierten diese Prothesen zugleich die Amputation.14

Mit dem Siegeszug der Kunststoffe verloren seit den 1960er-Jahren alle anderen Materialien zunehmend an Bedeutung. Kunststoffe garantierten wegen ihrer Passgenauigkeit einen engen Kontakt zwischen Hilfsmittel und Körper. Sie gestatteten zudem, neue Spielräume zu erschließen. Wasserfeste Kunstbeine erlaubten nun etwa den Aufenthalt am Strand oder im Schwimmbecken. Und die Einführung von Karbon in den 1980er-Jahren ermöglichte schließlich die Produktion von Sprint- und Sprungprothesen, mit denen in den letzten Jahren Leistungssportlerinnen und Leistungssportler wie Aimee Mullins, Oscar Pistorius und Markus Rehm Aufsehen erregten.15

 

3  Thomas Schnalke, »Der ersetzbare Mensch. Aus der Geschichte des Körpers und seiner Prothesen«, in: Leben mit Ersatzteilen, hrsg. von Sabine Gerber-Hirt u. a., München 2004, S. 12–15, hier S. 12.

 

Epithesen
Die ersten Epithesen, die Augen, Ohren oder Nasen nachbilden sollten, waren aus Porzellan. Erst im 20. Jahrhundert begann man, sie aus PVC oder Silikon zu fertigen.

 

4    Vgl. ebd., S. 12 f.

 

   Vgl. Walter Rathjen, »Zahn und Kiefer«, in: Leben mit Ersatzteilen, Sabine Gerber-Hirt 2004 (wie Anm. 3), S. 44–58.

 

6    Vgl. Reiner Hüls, Die Geschichte der Hörakustik. 2000 Jahre Hören und Hörhilfen, Heidelberg 1999, S. 126–138.

 

7    Vgl. Sabine Gerber-Hirt, »Gliedmaßen und Gelenke«, in: dies. u. a. 2004 (wie Anm. 3),
S. 84–106, hier S. 86.

 

8    Vgl. Elsbeth Bösl, Politiken der Normalisierung. Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2009, S. 290 ff.

 

9    Vgl. Deborah Cohen, »Kriegsopfer«, in: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914–1918, hrsg. von Rolf Spilker und Bernd Ulrich, Bramsche 1998, S. 216–227, hier S. 217.

10    Vgl. Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Köperbilder 1914–1923, Paderborn u. a. 2008, S. 156.

 

11    Vgl. Peter Berz und Mathew Price, »Ersatzglieder«, in: Der [im-]perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung, hrsg. von Petra Lutz u. a., Köln 2003, S. 143–161.

 

12    Vgl. Heather R. Perry, »Re-Arming the Disabled Veteran. Artificially Rebuilding State and Society in World War One Germany«, in: Artificial Parts, Practical Lives. Modern Histories of Prosthetics, hrsg. von Katherine Ott u. a., New York u. a. 2003, S. 75–101.

 

13    Vgl. Bösl 2009 (wie Anm. 8), S. 299 f.; C. W. Radcliffe, »Above-knee Prosthetics«, in: Prosthetics and Orthotics International, 1, 1977, S. 146–160.

 

14    Vgl. Gerber-Hirt 2004 (wie Anm. 7), S. 99.

 

15    Vgl. Eva Schneider, Geparden-Beine aus Karbon, www.anthropofakte.de/node/298, abgerufen am 30. Juli 2015.

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Wer im Ersten Weltkrieg ein Körperteil verlor, war für sein Leben als »Kriegsinvalider« gezeichnet und stigmatisiert.
Heute können Hightech-Endoprothesen wie Defibrillatoren direkt in den Körper implantiert werden. Sie sind unsichtbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg galt es, Kriegsversehrte wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Sogenannte Arbeitshände wurden nach rein funktionalen Kriterien gestaltet.
Zur gleichen Zeit sollten Prothesen auch schön und elegant sein. Die Form dieser aus edlem Nussbaum gefertigten Prothese sollte an eine natürliche Hand erinnern.
Die Handprothese des Götz von Berlichingen hatte bewegliche Finger. Im Mittelalter galt sie als Inbegriff technischer Raffinesse.
Zukünftig sollen Prothesen mit Gedankenkraft gesteuert werden. Dazu werden Elektroden ins Gehirn implantiert. Entsprechende Forschungen finanziert u. a. das US-Verteidigungsministerium.
Raptor Hand Reloaded: Der Name bringt auf den Punkt, was die Funktion der Lowtech-Prothese ist. Ein »Raptor« ist ein Greifvogel. Sie wurde von einer Online-Community designed und kann überall auf der Welt mit einem 3D-Drucker ausgedruckt werden. Einfacher geht es nicht.
Aktuelle Prothesen sind Hightech-Produkte — und daher teuer. Sie werden durch elektrische Spannung gesteuert, die in den Muskelzellen entsteht.
Versehrte aus dem Krimkrieg.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte eine weitere Revolutionierung der Prothetik. Nun ging die Technik unter die Haut: Werkstoffe wie Silikon und Titan, ausdifferenzierte Technologien und fortschreitende Miniaturisierung machten es möglich, Prothesen in den Körper einzusetzen. Verbesserte Operationsmethoden und Hygienestandards minderten zudem das Risiko von Komplikationen. Was Mediziner seit dem späten 19. Jahrhundert – zumeist erfolglos und oft mit verheerenden Folgen – geprobt hatten, gelang nun endlich: Herzschrittmacher, künstliche Linsen, Gelenke, Gefäße, Brustimplantate und Hörprothesen wurden in den Körper eingebracht und verrichteten dort wirksam ihren Dienst.16

Im Zuge des demografischen Wandels nutzen heute vor allem ältere Menschen Prothesen. Aber auch viele Jüngere bedürfen infolge von Krankheiten wie Diabetes und Krebs sowie unfallbedingter Verletzungen eines Hilfsmittels. Besonders akut ist die Lage in Kriegs- und Krisengebieten, in denen vor allem Landminen Schwerstverletzungen verursachen. Dort bemühen sich gerade humanitäre Organisationen um die Versorgung mit preisgünstigen Kunstgliedern, deren technische Schlichtheit gute Wartungsmöglichkeiten garantiert.17

 

16    Vgl. Gerber-Hirt u. a. 2004 (wie Anm. 3).

 

17    Vgl. Gerber-Hirt 2004 (wie Anm. 7), S. 97.

Gesellschaftliche Bedeutung

Diskussionen über Prothesen bewegen sich heute, so der Soziologe Werner Schneider, »zwischen den Polen einer kulturkritischen Technikfeindlichkeit und einer verheißungsvollen Technik-Apologie«: Während die einen eine Entmenschlichung des Menschen durch Technik befürchten, feiern die anderen die Verbesserung von Lebensqualität, die mit Prothesen einhergehe.18 Ob Fluch oder Segen – Prothesen gehören zum Alltag. Sie sind oft von großem Nutzen und offenbaren, was uns wichtig ist.

Seit jeher war es Aufgabe von Prothesen, zu einem selbständigen Leben zu befähigen und vor Abhängigkeit zu bewahren. Besonderes Augenmerk lag stets auf der Wiederherstellung von Arbeitskraft. Daher ist Funktionalität gefragt. Die Mehrzahl der Prothesen sollen aber auch Erscheinungsbilder rekonstruieren beziehungsweise erhalten. Die Kontaktlinse liegt unsichtbar auf dem Auge und das Hörgerät wird immer kleiner. Gesichtsepithesen gar vermögen nichts anderes als Defekte zu kaschieren, ihre Trägerinnen und Träger so von psychischem Leidensdruck zu befreien und aus der sozialen Isolation zu führen – mit Epithesen trauen sie sich wieder in die Öffentlichkeit. Es gilt, Versehrungen zu verbergen, denn sie gelten als Stigma. 

Doch es gibt auch eine gegenläufige Tendenz. Wer heute zur funktionalen Hightech-Prothese mit technischer Anmutung greift, auf kosmetische Verkleidung verzichtet und ausgefeilte Mechanismen präsentiert, signalisiert der Umwelt, dass er oder sie voll im Leben steht. So wie der US-amerikanische Biophysiker und Bergsteiger Hugh Herr, der 1982 bei einem Kletterunfall beide Unterschenkel verlor und mit seinen hochmodernen Prothesen zur Gallionsfigur des »Bionischen Zeitalters« aufstieg, in dem Mensch und Technik produktiv verschmelzen.

Mit dem Aufbruch ins neue Jahrtausend setzte sich auf breiter Basis ein weiterer Anspruch an die technische Modulierung von Körpern durch. Statt lediglich versehrte Körper auf bestmögliche Weise wiederherzustellen und den Vorstellungen eines »normalen« Körpers anzupassen, sollen sie nun technisch erweitert werden.19 In diesem Sinne gelten wir alle als grundsätzlich verbesserungswürdig. 

Die Forderung, sich selbst mithilfe von Technik zu optimieren, stützt Karin Harrasser zufolge die gegenwärtige »neoliberale Techno-Biopolitik«.20 Sie zielt darauf, das Wohlergehen des Einzelnen und der Bevölkerung durch Technik zu vergrößern. Auf der dunklen Seite der Techno-Biopolitik stehen etwa Überwachungstechnologien, denen sich kaum jemand entziehen kann. Selbstverbesserung durch Technik hingegen geschieht scheinbar freiwillig und ist lukrativ, denn sie dient der Steigerung individueller Potenziale.

Bestes Beispiel dafür sind Brust- und Gesäßimplantate, die aus ästhetischen Gründen eingesetzt werden und für mehr Schönheit und Attraktivität sorgen sollen. Die Eingriffe, für die Patientinnen und Patienten selbst aufkommen müssen, entsprechen persönlichen Vorlieben und sind mit einem Wunsch nach Autonomie verbunden. Vor allem aber geht es darum, das eigene Aussehen geltenden Körperidealen anzugleichen, die Zugehörigkeit, Erfolg, ökonomischen Aufstieg und soziale Anerkennung versprechen.21

Ob Prothesen auf Ausgleich oder Verbesserung zielen: Sie ermöglichen Teilhabe. In Gesellschaften, in denen Produktivität einen zentralen Wert bildet, gelten dafür nach wie vor berufliche Leistungen als Garant. Unter dem Stichwort »Inklusion« rücken jedoch mehr und mehr auch Freizeit und Geselligkeit in den Fokus: Prothesen sollen dazu befähigen, mit Freunden und Familie Erlebnisse zu teilen, Sport auszuüben, Hobbies nachzugehen. 

Seit einigen Jahren setzt sich aber die Einsicht durch, dass eine Versehrung oder Behinderung kein physisches Manko ist, dem allein mit technischen Mitteln beizukommen sei. Was Behinderungen sind und wie Menschen mit ihnen leben, ist von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig: von Selbst- und Fremdbildern, Einstellungen in der Bevölkerung und der Gestaltung des Umfeldes. Prothesen, die die Beseitigung vermeintlicher Mängel bezwecken, gelten daher nicht mehr als Allheilmittel – auch wenn sie nach wie vor gefragt sind und ihre Entwicklung eine wichtige Designaufgabe bleibt. Doch gilt es, Menschen mit Behinderungen so zu akzeptieren, wie sie sind oder sein möchten und ihnen durch eine barrierefreie Umwelt eine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe zu sichern.22

Brille

Im 13. Jahrhundert befestigten Mönche geschliffene Gläser auf ihrer Nase, um Sehschwächen auszugleichen — ein Vorläufer der Brille von heute. 

18    Werner Schneider, »Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem«, in: Soziologie des Körpers, hrsg. von Markus Schroer, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2012, S. 371–397, hier S. 371.

Scharniergelenke

Die ersten Prothesen mt Sprungelenken und Scharnier-Knie gelenken gab es im frühen 19. Jahrhundert. Von nun an waren Beinprothesen nicht länger steif.

 

19    Vgl. ebd., S. 383 f.

 

20    Karin Harrasser, Körper 2.0. Über die technischer Erweiterbarkeit des Menschen, Bielefeld 2013, S. 12.

Herzschrittmacher

In den 1950er-Jahren wurden erste nichtimplantierbare Herzschritt-macher entworfen. Ein Jahrzehnt später setzte man sie auch ein.

 

21    Vgl. Paula-Irene Villa, »Wider die Rede vom Äußerlichen«, in: Schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst, hrsg. von dies., Bielefeld 2008, S. 7-18.

 

22    Vgl. Bösl, 2009 (wie Anm. 8).

Annika Wellmann-Stühring, geboren 1979, arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Ihr Forschungsinteresse gilt der Körper-, der Sexualitäts-, der Medien- und Wissensgeschichte. 2009 wurde sie mit einer Arbeit zur Sexualberatung in den Massenmedien im 20. Jahrhundert promoviert. Die Ergebnisse dieser Forschung können unter anderem in dem Buch Beziehungssex. Medien und Beratung im 20. Jahrhundert nachgelesen werden.